10. Januar 2013

„The Road“ (2009, John Hillcoat)

Viggo Mortensen ist wohl spezialisiert auf dunkle und geheimnisvolle Rollen und benötigt dafür auch nicht immer nur David Cronenberg. Und düster ist John Hillcoats „The Road“ wahrlich – hier braucht er nicht einmal mehr einen Namen und wird im Abspann nur als Mann bezeichnet: Wenige Jahre nach einem nicht näher erläuterten apokalyptischen Ereignis, dem sämtliche Tiere und Vegetation zum Opfer gefallen sind, bahnen sich ein Vater (Mortensen) und sein Sohn (Kodi Smit-McPhee) einen Weg an die Küste. Vor den wenigen noch lebenden Menschen müssen sie sich dabei in Acht nahmen, da Kannibalismus inzwischen weit verbreitet ist.

Dieser postapokalyptische Film spielt nicht in einer fernen Zukunft, de facto könnte die beschriebene Zeit auch morgen sein. Die Zerstörung der Welt tritt plötzlich ein, warum erfahren wir nicht. Natürlich nimmt der Film auch Anleihen an früheren Filmen seines Genres, doch verzichtet er vollkommen auf das exotische, das andere. Überhaupt erfahren wir nur sehr wenig über die Welt, denn auch die Protagonisten wissen nicht viel. Was diesen Film so bedrückend und verstörend macht, ist die Ausweglosigkeit, in der sich Vater und Sohn befinden. Mehrmals wird explizit die Sinnfrage gestellt: Wozu überleben? Nur um des Überlebens willen? Und was ist eigentlich Menschlichkeit? Große Fragen, an deren Beantwortung sich der Zuseher gar nicht erst versuchen möchte.

Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Cormack McCarthy („No Country for Old Men“) wurde vom spanischen Kameramann Javier Aguirresarobe wunderbar karg gestaltet, ebenso die Musik der Australier Nick Cave und Warren Ellis von den Bad Seeds, die beide auch schon für den tollen Score von „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ verantwortlich waren. In „The Road“ kommen nicht sehr viele Menschen vor, doch die wenigen Schauspieler liefern hervorragende Darstellungen ab, neben Mortensen und Smit-McPhee allen voran auch Charlize Theron, Robert Duvall und Guy Pearce.
„The Road“ ist einer dieser Filme, die nur sehr schwer zu ertragen sind – doch es lohnt sich.

9. Januar 2013

Kino-Ranking 2012

Wie schon in den vergangenen Jahren gibt es auch für 2012 wieder ein Kino-Ranking. Dieses Jahr habe ich den Bewertungsgegenstand allerdings etwas erweitert: Berücksichtigt sind einerseits wie schon bisher all jene Filme, die ich 2012 regulär im Kino gesehen habe und die nicht Teil einer Retrospektive waren, andererseits aber auch Filme, die 2012 im Kino liefen, die ich aber erst zu einem späteren Zeitpunkt im Jahr auf DVD gesehen habe.

Das Bewertungsschema kennt die Kategorien „Besonders Empfehlenswert“, „Sehenswert“, „In Ordnung“, „Schlecht“ und „Sehr schlecht“. Drei Filme können als „Highlights“ ausgezeichnet werden. Innerhalb der Kategorien sind die Filme alphabetisch geordnet. Ich habe es dieses Jahr erfreulicherweise erneut geschafft, weder „sehr schlechte“ noch „schlechte“ Filme zu sehen (zumindest in Bezug auf dieses Ranking)!


Trofis feinste Auslese ... im Kino (2012)

Highlights
„Amour“ (2012, Michael Haneke)
„Hugo Cabret“ (2012, Martin Scorsese)
„Tinker Tailor Soldier Spy“ (2011, Tomas Alfredson)

Besonders Empfehlenswert
„7 Psychos“ (2012, Martin McDonagh)
„Argo“ (2012, Ben Affleck)
„The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten“ (2011, Alexander Payne)
„Killing Them Softly“ (2012, Andrew Dominik)
„Meek’s Cutoff“ (2010, Kelly Reichardt)
„Moonrise Kingdom“ (2012, Wes Anderson)
„To Rome with Love“ (2012, Woody Allen)

Sehenswert
„360“ (2012, Fernando Meirelles)
„The Artist“ (2011, Michel Hazanavicius)
„Das Bourne Vermächtnis“ (2012, Tony Gilroy)
„Cheyenne – This Must Be the Place“ (2011, Paolo Sorrentino) [DVD]
„Cloud Atlas“ (2012, Tom Tykwer, Andy Wachowski, Lana Wachowski)
„The Dark Knight Rises“ (2012, Christopher Nolan)
„Drive“ (2011, Nicolas Winding Refn)
„The Hobbit: An Unexpected Journey“ (2012, Peter Jackson)
„Die Kunst zu gewinnen – Moneyball“ (2011, Bennett Miller) [DVD]
„Looper“ (2012, Rian Johnson)
„Skyfall“ (2012, Sam Mendes)
„Un amour de jeunesse“ (2011, Mia Hansen-Løve)
„Verblendung“ (2011, David Fincher)
„We Need to Talk About Kevin“ (2011, Lynne Ramsay)

In Ordnung
„Cold Blood“ (2012, Stefan Ruzowitzky)
„Faust“ (2011, Aleksandr Sokurow)
„Holy Motors“ (2012, Léos Carax)
„J. Edgar“ (2011, Clint Eastwood)
„Prometheus – Dunkle Zeichen“ (2012, Ridley Scott)


Wie bereits im Vorjahr vergebe ich außerdem Auszeichnungen für herausragende schauspielerische Leistungen und die beste Szene des Kinojahres:

Coppa Trofi: Herausragende schauspielerische Leistungen
Emmanuelle Riva & Jean-Louis Trintignant, „Amour“
Gary Oldman, „Tinker Tailor Soldier Spy“
Tilda Swinton, „We Need to Talk About Kevin“
Ryan Gosling, „Drive“

Prix TFAntastique: Beste Szene des Jahres
„The Artist“: George Valentin (Jean Dujardin) stellt ein Wasserglas ab – mit einem Mal beginnt er die Umgebungsgeräusche wahrzunehmen, selbst bleibt er aber stumm.


Leider ist die Liste der Filme, die ich sehen wollte aber verpasst habe, länger als jene der gesehenen Filme. Zum besseren Verständnis meines Kino-Verhaltens seien die nicht gesehenen trotzdem hier genannt: „Huhn mit Pflaumen“ (2011, Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud), „Der Junge mit dem Fahrrad“ (2011, Luc Dardenne, Jean-Pierre Dardenne), „Gefährten“ (2011, Steven Spielberg), „In the Land of Blood and Honey“ (2011, Angelina Jolie), „Young Adult“ (2011, Jason Reitman), „The Iron Lady“ (2011, Phyllida Lloyd), „Die Mühle & das Kreuz“ (2011, Lech Majewski), „Shame“ (2011, Steve McQueen), „Haywire (2011, Steven Soderbergh)“, „Contraband“ (2012, Baltasar Kormákur), „Take Shelter“ (2011, Jeff Nichols), „Die Summe meiner einzelnen Teile“ (2011, Hans Weingartner), „The Lady“ (2011, Luc Besson), „My Week With Marilyn“ (2011, Simon Curtis), „Martha Marcy May Marlene“ (2011, Sean Durkin), „50/50 – Freunde fürs (Über) Leben“ (2011, Jonathan Levine), „Marley“ (2012, Kevin Macdonald), „Haus der Sünde“ (2011, Bertrand Bonello), „Coriolanus“ (2011, Ralph Fiennes), „W.E. (2011, Madonna)“, „Work Hard – Play Hard“ (2011, Carmen Losmann), „Cosmopolis“ (2012, David Cronenberg), „Red Lights“ (2012, Rodrigo Cortés), „Magic Mike“ (2012, Steven Soderbergh), „See You Soon Again“ (2011, Lukas Stepanik, Bernadette Wegenstein), „Unterwegs – On the Road“ (2012, Walter Salles), „Savages“ (2012, Oliver Stone), „Die Vermessung der Welt“ (2012, Detlev Buck), „In film nist“ (2011, Jafar Panahi, Mojtaba Mirtahmasb), „Paradies: Liebe“ (2012, Ulrich Seidl), „Anna Karenina“ (2012, Joe Wright).

„The Hobbit: An Unexpected Journey“ (2012, Peter Jackson)

Romanverfilmungen können selbstverständlich keine 1:1-Übertragungen ihrer Vorlagen sein, sondern haben das Recht auf eine gewisse Eigenständigkeit. Dass schon die „Herr der Ringe“-Filmtrilogie sich manche Freiheiten herausnahm, ist ja bereits bekannt. Dass aber Regisseur und Mit-Drehbuchautor Peter Jackson nun in „The Hobbit“ nicht nur einige Veränderungen vornimmt, sondern auch ganze Handlungsstränge hinzufügt, ist dann doch etwas unerwartet (vielleicht ist so der Titel dieses ersten Films und zugleich des ersten Kapitels des Buchs, „Eine unerwartete Reise“, zu verstehen). Das Based on the novel by J.R.R. Tolkien im Abspann könnte durchaus auch ein losely davorstehen haben. So erklärt sich wohl auch, wieso Jackson für „The Hobbit“ (ca. 300 Seiten) ebenso viel Filmzeit angepeilt hat wie für „Der Herr der Ringe“ (ca. 1.500 Seiten). Dass man hier das Gefühl nicht loswird, dass es sich dabei um eine große Abzocke handelt, muss wohl nicht näher erläutert werden. Das musste einmal gesagt werden!

Tritt man allerdings einen Schritt zurück oder hat man gar keine enge Bindung an das Originalbuch, so muss man sagen, dass der nun vorliegende erste Teil absolut ein guter Film ist. Die Geschichte ist prinzipiell nicht schlecht geschrieben, mit kleinen Feinheiten ist es gelungen, den Film gut mit der Vorgängerreihe zu verknüpfen. Das Produktionsdesign ist in seiner Detailverliebtheit hervorragend, die erprobte Musik von Howard Shore ebenfalls. Die 3D-Effekte und die mit Spannung erwartete erhöhte Bildwiederholfrequenz von 48 Bildern pro Sekunde sind meinem Empfinden nach elegant unaufdringlich und ergeben tolle Bilder (obwohl ich diesbezüglich auch schon andere Urteile gehört habe). Hauptdarsteller Martin Freeman, der sich zuletzt im deutschsprachigen Raum mit seiner Rolle in der BBC-Fernsehserie „Sherlock“ einen Namen gemacht hat, legt seinen Bilbo Baggins durchaus ähnlich zu seinem Dr. Watson an, was nicht zum Schlechteren ist.

Natürlich muss man Fantasy-Geschichten mögen, aber das ist nun einmal eine Geschmacksfrage, die man dem Film nicht anlasten kann. Meiner Meinung nach ist „The Hobbit: An Unexpected Journey“ ein sehenswerter Film und ich freue mich schon auf die beiden weiteren Teile.

3. Januar 2013

„Die Kunst zu gewinnen – Moneyball“ (2011, Bennett Miller)

Mannschaftssportfilme sind so eine Sache – man mag sie oder man mag sie nicht. Die Handlung solcher Filme gehorcht stets gewissen Regeln. Im Fokus steht in erster Linie der Teamgeist. Und der Zuschauer hält immer zum Underdog. Nun erfindet „Moneyball“, der es wegen der Ansiedlung im für heimisches Publikum angeblich unverständlichen Baseballmilieu nicht in die österreichischen Kinos geschafft hat, das Rad wahrlich nicht neu, doch der Fokus liegt ein wenig anders als sonst: Brad Pitt spielt Billy Beane, den General Manager der finanzschwachen Oakland Athletics, der mithilfe des jungen Yale-Absolventen Peter Brand (Jonah Hill) den unfairen Kampf gegen die großen Teams aufnehmen möchte – mit ungewöhnlichen statistischen Methoden und von anderen als Außenseiter angesehenen Spielern. Seine Kritiker findet er dabei nicht nur in den Medien sondern auch in der eigenen Mannschaft, nicht zuletzt in der Person des Field Managers Art Howe (Philip Seymour Hoffman).

„Moneyball“ ist ein leiser Film. Nur selten sieht man die Sportler in Aktion, vielmehr hört man die Gespräche und Verhandlungen, die im Hintergrund geführt werden. Nun ist das seit Computerspielen wie „Fifa Manager“ keine ganz neue Sache, aber doch eine nicht ganz alltägliche. Wenn man erlebt, wie Spieler wie Waren zwischen Tür und Angel hin und her geschoben werden, dann wird einem erst klar, wie sehr auch der Sport in erster Linie nur ein großes Geschäft ist. Der Film von Bennett Miller („Capote“), für dessen Drehbuch unter anderem auch Aaron Sorkin („Eine Frage der Ehre“, „The Social Network“) verantwortlich zeichnet, ist aber nicht zuletzt auch ein Vehikel für die wunderbar agierenden Schauspieler; neben Pitt, Hill und Hoffman sind auch Robin Wright, Spike Jonze in einem Cameo und vor allem Kerris Dorsey als Beanes Tochter hervorzuheben.

Kein außergewöhnlicher Film, aber sehenswert.

31. Dezember 2012

„The International“ (2009, Tom Tykwer)

Meine Frau fand ihn langweilig. Mich hat er auch beim vierten Mal wieder gepackt. Tom Tykwers „The International“ erlebte bei seinem Erscheinen eine nicht geringe Resonanz, wirkte die Handlung doch gerade einmal drei Monate nach dem Ausbruch der Finanzkrise doch höchst aktuell. Auch wenn die Parallelen mit ein wenig Abstand betrachtet eigentlich doch nicht so offensichtlich sind, so gibt doch der Blick auf eine verbrecherische Bank und deren Machenschaften einen aussagekräftigen Kommentar über unser globalisiertes Wirtschaftssystem und unsere Hilflosigkeit darin ab. Übertreiben muss man die Interpretation aber trotzdem nicht: Zuallererst ist „The International“ einfach ein gut gemachter Thriller.

Clive Owen als Interpol-Agent und Naomi Watts als New Yorker Staatsanwältin – zwei von mir sehr geschätzte Schauspielende – zieht es darin von Berlin über Luxemburg, Mailand und New York schließlich nach Istanbul. Beeindruckend ist dabei nicht zuletzt die Kameraarbeit. Die Art, wie Tykwer und sein regulärer Kameramann Frank Griebe Architektur ins Bild setzen, erinnert stark an Michael Mann. Zu den Glanzstücken zählt definitiv ein spektakulärer Shootout im New Yorker Guggenheim Museum. Im besten Sinne ist „The International“ ein positiver (europäischer) Mix aus der „Bourne“-Reihe und den jüngsten „James Bond“-Filmen. Doch es wäre unfair, den Film auf Äußerlichkeiten zu reduzieren. Am Ende kann man nicht anders, als unzufrieden vor sich hin zu grübeln – ein beabsichtigter bitterer Nachgeschmack.

18. Dezember 2012

„7 Psychos“ (2012, Martin McDonagh)

In diesem Film laufen wahrlich einige labile Gestalten herum: Der in Hollywood ansässige irische Drehbuchautor Martin (Colin Farrell) hat außer einem Titel noch nicht viel für sein Drehbuch über sieben Psychopathen beisammen. Doch dann wird er unerwartet in die Probleme seines Freundes Billy (Sam Rockwell) hineingezogen, der gemeinsam mit Hans (Christopher Walken) den Hund von Gangster Charlie (Woody Harrelson) entführt hat.

„7 Psychos“, in dem außerdem noch Tom Waits, Željko Ivanek und Harry Dean Stanton zu sehen sind, steht in einer Tradition von großartig wirren Filmen über das Drehbuchschreiben, die von „Sunset Boulevard“ über „Barton Fink“ und „Schnappt Shorty“ hin zu „Adaption.“ reicht und reiht sich damit auch in die noch größere Zahl selbstreflexiver Filme über das Filmbusiness (über die ich an anderer Stelle bereits geschrieben habe) ein. Der Film stammt aus der Regie und der Feder des irischen Dramatikers Martin McDonagh (man achte auf den Vornamen!), der dem Kino vor vier Jahren „Brügge sehen … und sterben?“ (2008; ebenfalls mit Farrell) beschert hat. An diesen seinen ersten Spielfilm reicht „7 Psychos“ zwar nicht ganz heran, er teilt mit dem Vorgänger aber die wunderbar treffliche Charakterisierung einer Ansammlung skurriler Individuen. Die eine oder andere Länge wird dabei durch ein Feuerwerk an coolen Sprüchen und eine Menge falsches Blut wettgemacht. Schauen Sie sich diesen Film an.

11. Dezember 2012

„Killing Them Softly“ (2012, Andrew Dominik)

New Orleans, 2008: Zwei Kleinkriminelle (Scoot McNairy, Ben Mendelsohn) überfallen im Auftrag eines dritten (Vincent Curatola) die illegale Poker-Runde von Markie Trattman (Ray Liotta). Zwecks Aufklärung und Vergeltung heuern die Mafia-Bosse über einen Mittelsmann (Richard Jenkins) den Killer Jackie Cogan (Brad Pitt) an, der zu seiner Unterstützung auch noch seinen Kollegen Mickey Fallon (James Gandolfini) aus New York einfliegen lässt.

Der australische Regisseur Andrew Dominik sorgte mit seinem letzten Film „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ (2007) für Aufsehen bei den Filmfestspielen in Venedig; nun hat er sich für seinen dieses Jahr in Cannes präsentierten dritten Spielfilm „Killing Them Softly“ erneut mit Hauptdarsteller Brad Pitt zusammengetan, der von Film zu Film seine Kritiker immer mehr Lügen straft und meiner Meinung nach inzwischen auch schauspielerisch definitiv zur Elite zu zählen ist. Thema des Films ist trotz seines vordergründigen Settings im Gangstermilieu eigentlich das politisch-wirtschaftliche System der USA, das Business America; man könnte die Handlung sogar als Parabel über die Finanzkrise und die Krise der Vereinigten Staaten allgemein lesen, worauf auch die immer wieder zu hörenden Reden des Präsidentschaftskandidaten Barack Obama hindeuten. Ich glaube an Amerika – mit diesen Worten begann einst eine andere große Erzählung über das organisierte Verbrechen.

Abseits dieser großen und vielleicht auch etwas gewagten Interpretationen ist „Killing Them Softly“ eine Mischung aus Quentin Tarantino (vor allem „Reservoir Dogs“ und „Natural Born Killers“, für welchen dieser das Drehbuch schrieb), Elmore Leonard (Vorlagen zu „Schnappt Shorty“ und „Out of Sight“) und den „Sopranos“ (eine Assoziation, die zum Teil natürlich auch Gandolfini geschuldet ist). Mit anderen Worten: „Killing Them Softly“ ist ein Muss.

„Argo“ (2012, Ben Affleck)

Ben Afflecks drittes Regiestück „Argo“ beginnt mit einer sehr ruhigen und zugleich neutralen Einführung in die Geschichte des Iran im 20. Jahrhundert mit Comics im Stile Marjane Satrapis („Persepolis“). Ab hier ist bereits klar, dass dies kein 08/15-Film über die guten USA und den bösen Iran wird, sondern dass es in ihm manch unterschiedliche Schattierungen geben wird. „Argo“ erzählt eine wahre Geschichte:

Iran, 1979: Nach der Islamischen Revolution fordert die Bevölkerung die Auslieferung des in die USA geflüchteten Schahs. In einem von Studenten angeführten Aufruhr werden die amerikanische Botschaft in Teheran gestürmt und die Botschaftsangehörigen als Geiseln genommen. Unbemerkt können sich jedoch sechs Personen in die Residenz des kanadischen Botschafters flüchten, wo sie versteckt auf ihre Heimholung hoffen müssen, während ihnen bei einer Entdeckung die Todesstrafe droht. Beim CIA ist man derweil über die Vorgehensweise ratlos, bis der Spezialist für Geheimoperationen Tony Mendez (Affleck) einen gewagten Plan entwickelt: Mithilfe von Vertrauensmännern in Hollywood (John Goodman, Alan Arkin) soll ein Science-Fiction-Filmprojekt fingiert werden, für welches Drehortbesichtigungen im Iran notwendig sind; die sechs Botschaftsmitarbeiter sollen mit falschen Identitäten als Filmcrew vor aller Augen ausgeflogen werden.

Die Geiselnahme von Teheran, die insgesamt 444 Tage dauerte, ist eines der nationalen Traumata der USA, wenngleich es durch 9/11 ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Affleck gelingt mit seinem Film, das ganz konkrete Bedrohungsszenario im Iran ebenso wie die allgemeine Stimmung im Heimatland gut einzufangen. Dabei behilflich ist ihm eine Reihe exzellenter Schauspieler, unter denen neben Goodman und Arkin wie schon öfter vor allem Bryan Cranston („Malcolm mittendrin“, „Breaking Bad“) als Mendez’ CIA-Vorgesetzter hervorragt. Wie bei solchen auf wahren Begebenheiten beruhenden Filmen inzwischen schon gängig, wird mit einem gezielten Casting und der Nachstellung ikonisch gewordener Bilder ein Wirklichkeitsanspruch erhoben, der so manchmal nicht unbedingt angenommen werden darf, und auch „Argo“ kommt nicht um die fast schon unumgängliche Applaus-Szene und die wehenden Stars and Stripes am Ende umhin. Doch selbst diese Szenen sind weit subtiler als die Kost, die einem von Hollywood meist vorgesetzt wird. Wenn aber auch die Beurteilung der politischen Umstände durch die Filmmacher (zu denen als Produzenten auch George Clooney und Grant Heslov zählen) manchmal problematisch erscheinen mag und international bereits für den einen oder anderen Eklat gesorgt hat, so darf man meiner Meinung nach bei einem Film wie dem diesen nicht vergessen, dass es sich um einen Spielfilm und nicht um eine Dokumentation handelt. „Argo“ ist ein Polit- bzw. Spionage-Thriller, versetzt mit einer Prise Komödie (quasi in Umkehrung des „Wag the Dog“-Szenarios), und diese Rolle spielt er hervorragend. Zudem ist er trotz mancher geringer Schwächen ein absolut empfehlenswerter Film über einen Aspekt der Zeitgeschichte, dem auch für das Jetzt eine Aussagekraft innewohnt.

2. Dezember 2012

„Cloud Atlas“ (2012, Tom Tykwer, Andy Wachowski, Lana Wachowski)

Mit knapp drei Stunden ist „Cloud Atlas“ für das in erster Linie avisierte Mainstream-Publikum ein ziemlicher Brocken. Doch langweilig wird dieses Gemeinschaftsunterfangen Tom Tykwers und der Wachowski-Geschwister („Matrix“-Trilogie) dank mehrerer gut erzählter Parallelhandlungen eigentlich nicht. Die im vorauseilenden Gehorsam zu Beginn des Films erbetene Nachsicht für die Komplexität der Handlung ist eigentlich nicht notwendig, wenngleich es an dieser Stelle schon schwierig ist, die einzelnen Zeitebenen jeweils nur kurz anzureißen: 1849, Südsee: Der junge Anwalt Adam Ewing lernt auf einer Handelsmission zu einer Sklavenplantage den Arzt Henry Goose kennen. Auf der Rückreise erkrankt er auf dem Schiff schwer. 1936, Schottland: Der angehende Komponist Robert Frobisher, aufgrund seiner Homosexualität von seiner Familie verstoßen, fristet sein Dasein als Assistent des einfallslos gewordenen Meisters Vyvyan Ayrs. 1973, San Francisco: Die Journalistin Luisa Rey versucht, den Machenschaften eines Atomenergiekonzerns auf die Schliche zu kommen. 2012, Großbritannien: Der erfolglose Verleger Timothy Cavendish tappt von einer Katastrophe in die nächste. 2144, Neo-Seoul: Sonmi~451, ein Klon, ist eine Arbeitssklavin in einem Restaurant, bis sie eines Tages durch den Rebellen Hae-Joo Chang befreit wird. 2346: In einer postapokalyptischen Endzeit prallen die Lebenswelten des primitiven Hirten Zachary und der hochentwickelten Prescient Meronym aufeinander.

Eine der Kernaussagen des Films ist Alles ist verbunden, weshalb sämtliche tragenden Rollen (und auch eine Reihe von Statisteneinsätzen) von den immer gleichen Schauspielern übernommen werden: Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Hugo Weaving, Jim Sturgess, Doona Bae, Ben Whishaw, James D’Arcy, Susan Sarandon und (für die Komik zuständig) Hugh Grant. Die herausragendste Leistung in diesem durchwegs hervorragend agierenden Ensemble bietet mit Sicherheit Whishaw (u.a. „Das Parfum“, zuletzt Q in „Skyfall“), der inzwischen überreif für eine wirklich große Rolle ist. Die eigentliche Großtat liefern jedoch die Maskenbildner ab, die den Zuschauer bis zum Abspann über die Personen hinter manchen Figuren im Ungewissen lassen.

Den unterschiedlichen Handlungssträngen sieht man zwar an, wer jeweils für die Regie verantwortlich zeichnet, und im direkten Vergleich hat wenig überraschend Tykwer die Nase deutlich vorne, doch man sollte sich von der zunächst abschreckend wirkenden Mischung aus Kostümfilm, Gesellschaftskomödie und Science fiction nicht irritieren lassen. Das esoterische Schnickschnack, das dem Film übergestülpt ist, brauche ich persönlich nicht, aber die einzelnen Erzählstränge, deren Verwobenheit man genüsslich nachstöbert, sind für sich absolut gut gemacht und durch die hervorragende Montage wirklich sehenswert.

„Cheyenne – This Must Be the Place“ (2011, Paolo Sorrentino)

Cheyenne (Sean Penn) ist ein gealterter Rock-Star, ein Goth aus den 1980ern, der der Musik aufgrund eines traumatischen Ereignisses zwar für immer abgeschworen hat, äußerlich aber noch nicht im Jetzt angekommen ist. In einer Dubliner Villa lebt er mit seiner Frau Jane (Frances McDormand) zurückgezogen, bis der Tod seines Vaters, mit dem er dreißig Jahre keinen Kontakt hatte, ihn nach New York zurückführt. Anstelle seines Vaters, eines Auschwitz-Überlebenden, begibt er sich auf eine Suche quer durch die Vereinigten Staaten.

„This Must Be the Place“ – so lautet der Titel eines der größten Hits der 80er-New Wave-Band Talking Heads, deren Mastermind David Byrne auch heute noch mit seinen Kompositionen und Projekten für Aufsehen sorgt. Das Lied, das in zigfachen Interpretationen den ganzen Film hindurch zu hören ist und diesem auch seinen Namen leiht, ist Programm für Cheyennes Suche nach einem Ort, den man Heimat nennen kann. Es gibt dem Zuschauer aber auch Halt in den Momenten, in denen der Film auch schwierig werden kann. Die für Regisseur Paolo Sorrentino („Il Divo“) typische Art, die Handlung in Szene zu setzen, ist nicht jedermanns Sache, wenngleich die Bildgestaltung wirklich ein Glanzlicht ist.

Sorrentino arbeitet stark mit Verkürzung. Dieser Film ist definitiv sehenswert, aber wundern Sie sich nicht, wenn Sie am Ende das Gefühl haben, nichts verstanden zu haben.