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19. März 2015

„Blackhat“ (2014, Michael Mann)

Ein wenig in der Vielzahl interessanter Kinostarts im Februar und März dieses Jahres untergegangen ist der jüngste Film von Michael Mann, der nicht nur von vielen zu den bedeutendsten Regisseuren unserer Zeit gezählt wird, sondern auch einer meiner absoluten Lieblingsregisseure ist. „Blackhat“ ist sein erster Film seit sechs Jahren, und nach zwei eher schwachen Filmen war die Spannung natürlich groß, was kommen würde.

In diesem Action-Cyberthriller fahndet ein chinesisch-US-amerikanisches Geheimdienstteam nach einem kriminellen Hacker, der eine Explosion in einem chinesischen Atomkraftwerk verursacht hat. Bei der Tätersuche behilflich sein soll der inhaftierte Hacker Hathaway (Chris Hemsworth), dem bei Erfolg die Freiheit in Aussicht gestellt wird. Die Ermittlungen führen zunächst nach Hongkong.

Soweit ich das bisher verfolgt habe, waren die Kritiken von „Blackhat“ nicht berauschend, was ich aber so nicht ganz nachvollziehen kann. Michael Mann wird häufig zu Unrecht unterstellt, er stelle Stil vor Inhalt, doch sein jüngster Film ist über weite Strecken absolut spannend erzählt und berührt dabei nicht wenige derzeit aktuelle Themen. Natürlich spielt Stil eine große Rolle, und so gibt es auch einige Elemente, die wir aus früheren Filmen kennen und die inzwischen zu Manns Markenzeichen geworden sind, etwa plötzliche Konflikteskalationen, penibel inszenierte Actionsequenzen oder nächtliche Großstadtlichtspiele. „Blackhat“ mag dabei vielleicht nicht ganz an Manns alte Größe von „Heat“, „Insider“ oder „Collateral“ heranreichen, doch nach „Miami Vice“ und „Public Enemies“ ist der Film wirklich eine wahre Freude.

19. Februar 2015

„Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ (2014, Alejandro González Iñárritu)

Der gealterte Schauspieler Riggan Thomson (Michael Keaton), der in jüngeren Jahren durch die Darstellung des Superhelden Birdman Berühmtheit erlangte, versucht ein seriöses Comeback am New Yorker Broadway. Wenige Tage vor der Premiere muss er jedoch mit seinen ihn nicht ernst nehmenden Schauspielkollegen (Edward Norton, Naomi Watts, Andrea Riseborough), seiner auf Entzug befindlichen Tochter-Assistentin (Emma Stone), seinem ständig aufs Geld schauenden Produzenten (Zach Galifianakis) und einer ihn verachtenden Theaterkritikerin (Lindsay Duncan) zurechtkommen, während ihn immer stärkere Selbstzweifel plagen.

„Birdman“, der neue Geniestreich von Alejandro González Iñárritu („Amores Perros“, „Babel“, „Biutiful“) ist ein Film über das Theater, über Hollywood, über das Älterwerden, über das Scheitern, über die Medienwirklichkeit, in der wir leben. Wie viele andere Spielfilme, in denen Theaterproduktionen eine Rolle spielen – völlig subjektiv wären hier beispielsweise Peter Bogdanovichs „Noises Off!“, Richard Linklaters „Ich und Orson Welles“ oder „Cäsar muss sterben“ von Paolo und Vittorio Taviani zu nennen – erleben wir Proben und Aufführungen der immer gleichen Szenen aus verschiedenen Blickwinkeln, bis wir als Zuschauer fast schon mitsprechen können. Doch „Birdman“ ist keineswegs konventionell. Klischees werden hier ganz bewusst überzogen, während das Hauptaugenmerk auf den inneren Monologen (oder Dialogen?) des Protagonisten liegt, der, getrieben von dem unglaublichen Drum-Score von Antonio Sánchez, einer offensichtlichen Explosion entgegenläuft.

Keaton, dessen Charakter einige Parallelen zu seiner realen Person aufweist, spielt hier auf unglaublich verletzliche Art und Weise die Rolle seines Lebens, unterstützt von dem wie immer grandiosen Norton (als selbstverliebter und prätentiöser Theaterschauspieler). Kameraführung (Emmanuel Lubezki) und Schnitt liefern manche Schmankerl und Regisseur Iñárritu beweist, dass ihm auch das (tragi-)komische Fach liegt. Eine besondere Empfehlung!

18. Februar 2015

„Foxcatcher“ (2014, Bennett Miller)

Regisseur Bennett Miller („Capote“, „Moneyball“) bleibt auch in seinem dritten Spielfilm „Foxcatcher“ der Verfilmung wahrer Begebenheiten treu und erzählt die Geschichte der beiden Brüder Mark und David Schultz (Channing Tatum, Mark Ruffalo), Profi-Ringer und Olympiasieger, sowie des Millionärs John E. du Pont (Steve Carell). Letzterer baut auf seinem Anwesen ein Trainingszentrum für Ringer auf, das professionelle und persönliche Verhältnis zwischen Mark und seinem exzentrischen Förderer entfaltet sich dabei zunehmend zu einem psychologischen Schlachtfeld.

Von einigen Plotdetails erinnert mich „Foxcatcher“ ein wenig an Steven Soderberghs „Liberace“, doch die Grundstimmung ist eine ganz andere. Millers äußerst ruhiger Film ist weit mehr als ein konventionelles Sportdrama. Die Optik des in den 1980er-Jahren angesiedelten Films ist trotz großer Hallen und weiter Parkanlagen eine triste, graue und beklemmende, wozu Kameramann Greig Fraser einen ganz entscheidenden Beitrag geleistet hat. Natürlich muss auch die Leistung aller drei Hauptprotagonisten gewürdigt werden, wobei Carell für seine sowohl äußerliche als auch charakterliche Verwandlung bislang wohl die meisten Lorbeeren erhalten hat. Unterstützt wird das Trio in kleinen Nebenrollen von Vanessa Redgrave, Sienna Miller und Anthony Michael Hall.

Das junge Produktionsstudio Annapurna Pictures bestätigt mit „Foxcatcher“ erneut seine herausragende Position im modernen Qualitätskino. Der Film erscheint inhaltlich für ein österreichisches Publikum zwar wenig ansprechend (und droht meiner subjektiven Einschätzung nach verfrüht aus dem Programm genommen zu werden), sei aber gerade deshalb unbedingt empfohlen.

„Inherent Vice“ (2014, Paul Thomas Anderson)

Im Marihuana-Rausch irrt der Privatdetektiv Doc Sportello (Joaquin Phoenix) durch das Los Angeles des Jahres 1970, auf der Suche nach der Antwort auf eine Frage, die zu formulieren er noch gar nicht in der Lage war. Jede Begegnung, jedes Gespräch scheint ihn einer Lösung näher zu bringen – aber sind der Zufälle dann nicht doch vielleicht zu viele?

Paul Thomas Anderson ist mit „Inherent Vice“, basierend auf dem gleichnamigen Kriminalroman von Thomas Pynchon, wieder zurück auf anspruchsvoll-komischem Boden. Seine letzten beiden Filme „There Will Be Blood“ und „The Master“ waren hervorragend aber doch todernst; „Inherent Vice“ ist viel mehr wie „Boogie Nights“ ein köstliches Vergnügen, bei dem man sich ein häufiges Lautauflachen nicht verkneifen kann. Andersons Schauspielriege ist, wie nicht anders zu erwarten, exquisit: Neben Phoenix sind in kleinen und kleinsten Rollen unter anderem Josh Brolin, Owen Wilson, Reese Witherspoon, Benicio del Toro, Martin Short und Eric Roberts zu sehen. Deutlichstes Vorbild für „Inherent Vice“ aus der Filmgeschichte ist wohl Robert Altmans „Der Tod kennt keine Wiederkehr“, wenngleich einem auch einige weitere Klassiker des Private eye-Neo-Noir in den Kopf schießen. Nicht ganz nachvollziehen kann ich übrigens die von manchen geäußerte Kritik, der Film sei angeblich so unübersichtlich geraten.

Bei den diesjährigen Oscar-Nominierungen ist „Inherent Vice“ ein wenig übersehen worden, und er steht wohl auch im Schatten manch anderer jetzt zeitgleich in österreichischen Kinos angelaufener Qualitätsfilme. Umso mehr möchte ich ihn der geneigten Leserschaft an dieser Stelle besonders ans Herz legen.

8. Februar 2015

„Das finstere Tal“ (2013, Andreas Prochaska)

Regulär lief „Das finstere Tal“ letztes Frühjahr im Kino, eben ist der Film mit dem Österreichischen Filmpreis unter anderem als Bester Film ausgezeichnet worden. Dies hat dazu geführt, dass ich ihn nun doch noch auf der Kinoleinwand sehen konnte.

Mitte des 19. Jahrhunderts erreicht ein mysteriöser Amerikaner (Sam Riley) ein von der Umwelt weitestgehend abgeschlossenes Tiroler Bergdorf, das von einem Großbauern und seinen Söhnen (u.a. Tobias Moretti) kontrolliert und terrorisiert wird. Als der Winter einbricht, beginnen sich nach und nach scheinbare Unfälle zu ereignen.

„Das finstere Tal“ ist von vielen Seiten als Genremix aus Western und Heimatfilm bezeichnet worden, wobei meiner Meinung nach dabei ein wenig übersehen wird, dass der Western bereits per se der amerikanische Heimatfilm ist – zumindest der Western der klassischen Periode. Wie dem auch sei – „Das finstere Tal“ nimmt seine Anleihen ohnedies vorrangig beim späteren Italowestern. Offensichtlichstes Vorbild ist ob der winterlichen Schneelandschaften Sergio Corbuccis „Leichen pflastern seinen Weg“, doch einzelne Elemente (wie beispielsweise die Taschenuhr) erinnern etwa auch an Sergio Leones „Für ein paar Dollar mehr“. In den Kreis der zahlreichen modernen, revisionistischen Western kann sich der Film von Andreas Prochaska durchaus ebenbürtig einreihen, die jüngsten Auszeichnungen sind hochverdient. „Das finstere Tal“ ist leise, spannend, verstörend und brutal – so wie ein solcher Film eben sein soll! Absolut empfehlenswert!

7. Februar 2015

„The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ (2014, Morten Tyldum)

„The Imitation Game“ des norwegischen Regisseurs Morten Tyldum erzählt die Geschichte des Mathematikers Alan Turing (Benedict Cumberbatch), der im Zweiten Weltkrieg jenes Team der britischen Armee leitete, das den deutschen Enigma-Code knackte, und der zudem eine Vielzahl der theoretischen Grundlagen für die moderne Informations- und Computertechnologie schuf.

Der Film ist ein solides aber nicht zu opulentes period piece, das sich ohne sensationshaschendes Produktionsdesign vor allem auf seine Schauspieler konzentriert – an vorderster Front natürlich Cumberbatch, dem der Film voll und ganz gehört, aber in Nebenrollen unter anderem auch Keira Knightley, Mark Strong und Matthew Goode. Vom Stil her gleicht er nicht unwesentlich „The King’s Speech“ aus 2010, und nicht zufällig ist eben jene berühmte Rede König Georgs VI. zum Kriegseintritt Großbritanniens in den Anfangsminuten von „The Imitation Game“ zu hören. Er ist daher durchaus sehenswert, wenn man denn solche Filme mag. Dass er aber mit acht Nominierungen als einer der Spitzenreiter in das heurige Oscar-Rennen geht, lässt sich dann doch wieder einmal nur mit der Formel „Filme über den Zweiten Weltkrieg sind sichere Oscar-Garanten“ erklären.

„The Hobbit: The Battle of the Five Armies“ (2014, Peter Jackson)

Irgendwie scheine ich mit dem „Hobbit“ meinen Frieden geschlossen zu haben. Nicht, dass der dritte Teil besser als die ersten beiden wäre – ganz und gar nicht. Aber die Akzeptanz der in den letzten beiden Jahren beschriebenen Grundvorgaben (s. Teil 1 und Teil 2) ist bei mir offensichtlich so sehr gereift, dass ich mich ohne Probleme einfach für zweieinhalb Stunden in einen Kinosaal setzen und das 3D-Schlachtengetümmel über mir geschehen lassen konnte.

Das Fazit möge lauten: Ein paar unnötige Hinzufügungen zur Handlung des Originalbuchs von J.R.R. Tolkien weniger und man hätte mit zwei statt drei Filmen für die Zukunft einen potentiellen Klassiker des Fantasy- und Abenteuergenres vorweisen können. Schade.

19. Dezember 2014

„Interstellar“ (2014, Christopher Nolan)

Christopher Nolan nimmt uns in seinem neuesten Film „Interstellar“ mit auf eine Reise durch Raum und Zeit. In einer nicht allzu weit entfernten Zukunft ist die Ertragsfähigkeit der Erde an ihre Grenzen gelangt, eine neue technologieskeptische Agrargesellschaft kämpft aussichtslos um den Weiterbestand. Die letzte Hoffnung ist eine Erkundungsmission der NASA, die in einer weit entfernten Galaxie nach einer zur Besiedlung geeigneten neuen Heimat suchen soll. Die Reise führt durch ein Wurmloch zu einem Planetensystem um ein Schwarzes Loch.

Diese kurze Zusammenfassung mag nach einem 08/15-Weltraumfilm klingen, doch müssen etwaige Hoffnungen auf ein geistloses Spektakel gleich zunichtegemacht werden. In „Interstellar“ nehmen die physikalischen Theorien mindestens genauso viel Platz ein wie der praktische Handlungsfortgang. Der Film ist infolgedessen keinesfalls leichte Kost. Muss man deshalb Physiker sein, um mit ihm etwas anfangen zu können? Definitiv nicht! Die im Film behandelten Theorien über Zeit und Raum werden so gut präsentiert, dass man sie auch als Laie vollkommen akzeptieren kann, ohne sie dabei – ja, ich gebe es zu – immer verstehen zu müssen. Ungeachtet der Theorielastigkeit handelt es sich aber auch um einen stark emotionalen Film. Selten habe ich nach einem Kinobesuch eine so lange und lebhafte philosophische Diskussion führen können wie nach „Interstellar“!

Das sowohl inhaltlich wie auch stilistisch (bis hin zur Musik) offensichtliche Vorbild von „Interstellar“ ist natürlich Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ (1968). Vor allem gegen Ende wird diese Hommage besonders deutlich – achten Sie auf die Szenen mit Krankenbett und den Orgelhall bei letzterer der beiden. Für seinen visuell eindrücklichen Film hat Nolan wie immer eine herausragende Gruppe von Darstellern rekrutiert, die mit zu den derzeit wichtigsten Akteuren ihrer Zunft zählen, unter anderem Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Jessica Chastain, Casey Affleck sowie – in seiner bisher bereits sechsten Zusammenarbeit mit Nolan – Altmeister Michael Caine.

Christopher Nolan gilt ja bekanntlich als Meister des intelligenten Blockbusters. Dies hat er mit „Interstellar“ wieder einmal unmißverständlich unterstrichen. Absolute Empfehlung!

4. Dezember 2014

„Gone Girl – Das perfekte Opfer“ (2014, David Fincher)

David Fincher, der, wie regelmäßige Leser dieses Blogs sicher wissen, zu meinen Lieblingsregisseuren zählt, garantiert für Thriller auf höchstem Niveau. Er bedarf dafür aber nicht immer nur der dunklen licht- und farblosen Umgebungen von „Sieben“, „Fight Club“ oder „Panic Room“ – das Gefühl von Beklommenheit kann er auch in der taghellen Weite einer Kleinstadtidylle vermitteln.

Nick Dunne (Ben Affleck) kommt eines Tages nach Hause, seine Frau Amy (Rosamund Pike) ist jedoch verschwunden. Es gibt Hinweise auf einen Gewaltakt, doch weiß die Polizei nicht, in welche Richtung sie ermitteln soll. Die Idylle stellt sich wie so oft als eine Fiktion heraus.

„Gone Girl“ benötigt zunächst scheinbar recht lange, um in die Gänge zu kommen, doch ist dies nur die Vorbereitung auf den ersten einer Reihe von Twists, die den Zuseher mehr oder weniger bis zum Ende des 149 Minuten langen Films in seinen Bann ziehen. Ein Grundtenor im Kinosaal war, dass der Film das falsche Ende habe. Das finde ich nicht; er hat genau das richtige Ende, nur hätte dieses bereits knapp 15 Minuten früher erfolgen sollen. Der Gesamteindruck wird so leider ein wenig getrübt.

Man fühlt sich während des Films – Achtung: für Kenner möglicherweise ein SPOILER – wiederholt an Steven Soderberghs „Side Effects“ erinnert, doch ist das sicher nicht das schlechteste Vergleichsmaterial. Alles in allem ist „Gone Girl“ wohl mit Gewissheit nicht Finchers bester Film – aber bei David Fincher sind sogar seine mittelmäßigen Filme immer noch hervorragend!

6. Oktober 2014

„A Most Wanted Man“ (2014, Anton Corbijn)

Günther Bachmann (der wunderbare Philip Seymour Hoffman in einer seiner letzten Rollen) leitet in Hamburg eine kleine Spionageeinheit (u. a. Daniel Brühl, Nina Hoss), die auf die lokale islamische Gemeinde angesetzt ist. In Konflikt mit seinem Vorgesetzten (Rainer Bock) und seiner CIA-Kontaktfrau (Robin Wright) versucht er einen vermeintlichen tschetschenischen Terroristen (Grigoriy Dobrygin), dessen deutsche Anwältin (Rachel McAdams) und einen britischen Bankier (Willem Dafoe) für die Jagd auf einen mutmaßlichen Financier des Terrorismus zu instrumentalisieren.

„A Most Wanted Man“ ist eine durchaus gelungene John le Carré-Verfilmung, die von Regisseur Anton Corbijn („Control“, „The American“) spannend und gewohnt pessimistisch in Szene gesetzt wurde. Seinen feinen Bildkompositionen sieht man an, dass Corbijn eigentlich aus der Photographie kommt. Die Filmmusik stammt, wie schon bei „The American“, von Corbijns Londoner Nachbarn Herbert Grönemeyer, der hier außerdem wieder einmal einen seiner seltenen Leinwandauftritte gibt.

Einen ganz leicht faden Beigeschmack hat der Film, wenn man ihn sich in der Originalversion ansieht: Der anfänglichen Begeisterung, Hoffman dabei zuzuhören, wie er englisch mit stark deutscher Färbung spricht, weicht das Unverständnis, warum man sich die Mühe dieser Färbungen macht, wenn doch eigentlich fast alle Charaktere miteinander deutsch sprechen sollten. Aber ich vermute, hier muss wohl eine ordentliche suspension of disbelief herhalten. Trotzdem empfehlenswert!

15. September 2014

„Maps to the Stars“ (2014, David Cronenberg)

Eine junge Frau, die nach Hollywood gekommen ist, um dort ihr Glück zu suchen (Mia Wasikowska); ein Limousinenchauffeur, dessen Schauspielkarriere nicht wirklich in Schwung geraten will (Robert Pattinson); ein dreizehnjähriger Teeniestar, der bereits einen Drogenentzug hinter sich hat (Evan Bird); seine ehrgeizige und zielstrebige Mutter (Olivia Williams) und sein als Lebenscoach ordinierender Vater (John Cusack); sowie eine gealterte Schönheit, die auf die eine Comeback-Rolle hofft (Julianne Moore) – so lauten die Voraussetzungen von David Cronenbergs jüngstem Film „Maps to the Stars“, im Laufe dessen sich die Leben der Genannten auf die eine oder andere Art und Weise kreuzen werden.

Regisseur Cronenbergs Werke sind gekennzeichnet von einer besonderen psychologischen Tiefe, die sich in den letzten Jahren vor allem in ruhigen Dialogfilmen manifestierte. Einer seiner auch einem breiteren Publikum bekannten Filme ist dementsprechend mit „Eine dunkle Begierde“ (2011) eine Auseinandersetzung mit der Frühzeit der Psychoanalyse und deren Begründer Sigmund Freud. Dass aber seine Wurzeln im Horrorfilm liegen – vor allem im von ihm stark mitgeprägten Körperhorror – kann (und will) Cronenberg nicht verleugnen. Bereits von Beginn an sind wir in „Maps to the Stars“ mit Brandwunden und Körpermalträtierungen konfrontiert. Nicht zuletzt aber sind auch seine ruhigeren Filme oftmals geprägt von einem plötzlichen Ausbruch extremer Gewalt. Dass „Maps to the Stars“ folglich keine übliche Beleuchtung der Filmindustrie Hollywoods darstellt, darf daher nicht überraschen. Hier sehen wir eine albtraumhafte Hässlichkeit, die uns sonst in ähnlichen Filmen bei aller geäußerten Kritik erspart bleibt. Sehenswert!

5. September 2014

„The Young and Prodigious T.S. Spivet – Die Karte meiner Träume“ (2013, Jean-Pierre Jeunet)

Regisseur Jean-Pierre Jeunet, der in den 1990ern mit schwarzhumorigen Filmen wie „Delicatessen“ und „Alien – Die Wiedergeburt“ von sich reden machte und seit seinem wohl bekanntesten Werk „Die fabelhafte Welt der Amélie“ und „Mathilde – Eine große Liebe“ seinem Surrealismus eine noch stärkere märchenhafte Note verliehen hat, ist mit „Die Karte meiner Träume“ nun beim Familienfilm angekommen.
 
Der begabte zwölfjährige T. S. Spivet (Kyle Catlett) lebt auf einer Ranch in Montana und fühlt sich dort von seiner Familie – der Vater (Callum Keith Rennie) ein anachronistischer Cowboy, die Mutter (Helena Bonham Carter) eine zerstreute Insektenforscherin – nicht verstanden. Als er für eine seiner Erfindungen einen Preis von der Smithsonian Institution in Washington erhalten soll, weil diese ihn für einen Erwachsenen hält, macht er sich alleine auf eine Reise quer durchs Land.

Instinktiv fühlt man sich bei „Die Karte meiner Träume“ an Martin Scorseses „Hugo Cabret“ erinnert: In beiden Fällen sind die Vorlagen reich illustrierte Jugendromane mit besonderer visueller Gestaltung. Die Protagonisten beider Filme sind technisch versierte Zwölfjährige, der eine ein Waise, der andere ein vorgeblicher Waise. Und beide Filme bedienen sich wunderbarer 3D-Effekte, um Zeichnungen auf Papier räumlich zu präsentieren. Doch während Scorseses Film mindestens zu gleichen Teilen auch an Erwachsene gerichtet war, hat Jeunet seinen Fokus wohl vor allem auf das jugendliche Publikum gelegt – zu „einfach“ sind manche Charakterisierungen und Handlungsmuster. So ist „Die Karte meiner Träume“ zwar ein netter Film, der bisweilen auch zu Tränen rührt, vielleicht aber doch ein klein wenig zu naiv und melodramatisch.

29. Juli 2014

„Boyhood“ (2014, Richard Linklater)

Eines der ambitioniertesten Filmprojekte der vergangenen Jahre und definitiv ein Highlight zumindest dieses Kinojahres ist Richard Linklaters „Boyhood“, der über einen Zeitraum von zwölf Jahren entstanden ist. Erzählt wird die Geschichte des zunächst sechsjährigen Mason (Ellar Coltrane), seiner zwei Jahre älteren Schwester Samantha (Lorelei Linklater) und seiner geschiedenen Eltern Olivia (Patricia Arquette) und Mason Sr. (Ethan Hawke), und das nicht anhand großer Meilensteine sondern anhand der kleinen Nebensächlichkeiten des Lebens. Am Ende ist Mason 18, bezieht sein Zimmer am College und eröffnet damit den nächsten Abschnitt seines Lebens.

Linklaters jüngster Film ist keine Dokumentation im Stile von Michael Apteds „Up“-Reihe, sondern ein gescripteter Spielfilm. Wenngleich über die Jahre hinweg tatsächliche Ereignisse und Entwicklungen durchaus in die Geschichte eingeflossen sind, so hat Linklater doch beteuert, dass das Drehbuch bereits vor Beginn der Dreharbeiten weitestgehend feststand. Trotzdem hat „Boyhood“ etwas ungemein Dokumentarisches an sich, und dies hängt vor allem mit einem ganz wesentlichen Aspekt zusammen: der natürlichen physischen Alterung der Darsteller. Mit Hauptdarsteller Coltrane gelang Linklater ein unglaublicher Glücksgriff – wer hätte bei einem Achtjährigen vorausahnen können, dass er sich nicht nur für die gesamte Laufzeit verpflichten sondern auch schauspielerisch unglaublich weiterentwickeln würde. Doch auch an den Erwachsenen gehen die Jahre nicht spurlos vorüber: Die Lebenserfahrung, die Arquette und Hawke mit Mitte Vierzig Arquette und Hawke mit Anfang Dreißig voraushaben, sieht man ihnen ins Gesicht geschrieben. Waren die beiden in den 1990er-Jahren nicht gefragte Schauspieler, deren Marktwert (zu Unrecht) inzwischen gesunken sein dürfte?

Richard Linklater gelingt mit diesem Film ein Geniestreich, und man fragt sich inzwischen, warum einen das überhaupt noch überrascht. Nicht nur verdanken wir ihm mit der „Before…“-Reihe – übrigens eine weitere Langzeitstudie mit Ethan Hawke – drei der überzeugendsten Dialogfilme über Beziehungen. Alle seine Spielfilme der letzten Jahre („A Scanner Darkly“ „Me and Orson Welles“, „Bernie“, „Before Midnight“) können auch samt und sonders als hervorragend bezeichnet werden.

„Boyhood“ ist möglicherweise der ultimative Film über das Erwachsenwerden – jedenfalls aber ein absolutes Muss!

24. Juli 2014

„Locke – No Turning Back“ (2013, Steven Knight)

Eineinhalb Stunden sehen wir Tom Hardy dabei zu, wie er nächtens die Autobahn von Birmingham nach London entlangfährt und über die Freisprecheinrichtung seines BMW versucht, sein über ihm zusammenbrechendes Berufs- und Privatleben zu retten – und langweilen uns doch keinen einzigen Moment. „Locke“, der in Österreich unter dem Titel „No Turning Back“ in die Kinos gekommen ist, ist ein Geniestreich minimalistischer Inszenierung mit voller Konzentration auf seinen erstklassig gemimten Protagonisten. Ein Muss!

„Her“ (2013, Spike Jonze)

Als ich erstmals eine Ankündigung von „Her“ las, fühlte ich mich an eine Episode von „The Big Bang Theory“ erinnert, doch weit gefehlt: Spike Jonzes jüngster Film ist keine halblustige Klamotte, sondern ein sensibler und wunderbarer Liebesfilm, den man trotz seines unernst anmutenden Plots – der professionelle Briefeschreiber Theodore Twombly (Joaquin Phoenix) geht eine Liebesbeziehung mit seinem Computer-Betriebssystem Samantha (die Stimme von Scarlett Johansson) ein – absolut ernst nimmt.

Zu Recht wurde das Talent des Ausnahmekünstlers Jonze (der Mann, der schon „Being John Malkovich“ gedreht, „Jackass“-Filme produziert und in Fatboy Slim-Videos „getanzt“ hat) dieses Jahr mit einem Oscar gewürdigt (für das beste Drehbuch). Doch auch Phoenix stellt wieder einmal nach seiner fiktiven Auszeit seine unglaublichen Qualitäten unter Beweis. Unterstützt wird er dabei von einer kleinen Gruppe ebenfalls vorzüglich agierender Kollegen – unter anderem Amy Adams, Chris Pratt und Rooney Mara. Ebenfalls unbedingt erwähnt werden müssen das futuristische Produktionsdesign von K. K. Barrett und die Filmmusik von Arcade Fire.

22. Juli 2014

„Die zwei Gesichter des Januars“ (2014, Hossein Amini)

In aller Kürze: Nach einem Roman von Patricia Highsmith zeigt uns Regieneuling Hossein Amini (Drehbuchautor von „Drive“ (2011)) Viggo Mortensen, Oscar Isaac und Kirsten Dunst als zu einem Zweckbündnis vereinte Amerikaner im Griechenland der frühen 1960er-Jahre. Obwohl dieses period setting allein bereits reizvoll sein könnte, liegt die Stärke von „Die zwei Gesichter des Januars“ jedoch in seinem vollen Fokus auf das Spiel der drei Schauspieler. Zwar geht dem Film gegen Ende ein wenig der Atem aus, doch hat er uns bis dahin einen durchaus spannenden Kinoabend geboten.

„Grand Budapest Hotel“ (2014, Wes Anderson)

Wieder einmal nur mit sehr großer Verzögerung (4 ½ Monate!) ist es mir möglich, etwas über meine Kinobesuche zu schreiben.
 
„Grand Budapest Hotel“ erlebte im Vorfeld eine so starke Antizipation wie kein anderer Film des Regisseurs Wes Andersons. Grund hierfür waren sicherlich die öffentlich von Anderson bekundete Inspiration durch die Werke Stefan Zweigs und nicht zuletzt auch das gut gewählte Premierenumfeld auf der Berlinale, die für ein breit gefächertes Interesse sorgten. Unzählige europäische Kinobesucher haben sich folglich den Film nicht wegen Anderson sondern wegen Zweig angesehen.

Die Welten Wes Andersons sind meist bevölkert von (sehr) gut situierten Angehörigen des gehobenen Mittelstandes. Insofern stellt das zwar in einem Luxushotel angesiedelte, sich jedoch vorrangig mit den Untergebenen beschäftigende „Grand Budapest Hotel“, das sich als Abgesang auf eine untergegangene Ära präsentiert, eine Erweiterung von Andersons Spektrum dar (auch wenn Anderson deshalb noch kein Roberto Rossellini ist; seine Settings sind immer noch märchenhaft und zuckerlrosa). Auch ein anderes Anderson-Thema, die Familie, tritt dieses Mal deutlich in den Hintergrund. Seinem ganz eigenen Stil – perfekt inszenierte (symmetrische) Kameraeinstellungen, lineare Kamerabewegungen, ausgewählte Farbpaletten – ist Anderson jedoch auch dieses Mal treu geblieben.

Beeindruckend ist die Riege an Stars, die Anderson wieder einmal versammelt hat (zum Teil lediglich mit Kleinstauftritten, nicht nur die üblichen Verdächtigen) und die das bisher von ihm gewohnte noch auf die Spitze treibt: Ralph Fiennes, Edward Norton, Jude Law, F. Murray Abraham, Adrien Brody, Jeff Goldblum, Willem Dafoe, Tilda Swinton, Harvey Keitel, Tom Wilkinson, Bill Murray, Jason Schwartzman, Owen Wilson, Bob Balaban, Mathieu Amalric, Léa Seydoux, dazu unter anderem auch der Neuling Tony Revolori, wobei – und da schließe ich mich dem allgemeinen Chor der Lobeshymnen an – vor allem Hauptdarsteller Fiennes mit seinem unerwarteten komödiantischen Talent das Rückgrat und Highlight des Ensembles bildet.

So sehr „Grand Budapest Hotel“ ein hervorragender Film sein mag – und das ist er zweifelsfrei – so sehr bleibt jedoch eine ganz leichte Enttäuschung. Das überwältigend positive Echo, das der Film bei Betrachtern hervorgerufen hat, scheint mir wohl in erster Linie der Tatsache geschuldet zu sein, dass es für die meisten der erste Kontakt mit dem Stil und der Erzählweise Andersons war. Kennt man hingegen noch andere Anderson-Filme – und das möge jetzt bitte nicht überheblich herüberkommen – dann weiß man, dass der Regisseur in der Vergangenheit zum Teil noch bessere Ergebnisse geliefert hat. Doch das möge den Ruhm von „Grand Budapest Hotel“ jetzt nicht schmälern.

28. Februar 2014

„Inside Llewyn Davis“ (2013, Ethan & Joel Coen)

In gewisser Weise ist der aktuelle Film der Coen-Brüder eine logische Fortführung ihres eigenen Films „O Brother, Where Art Thou?“, wenn auch mit deutlich melancholischerem Grundton. Wie schon in der Flucht der drei Soggy Bottom Boys spiegelt sich auch in den Irrfahrten des erfolglosen Folkmusikers Llewyn Davis (Oscar Isaac) durch das New Yorker Greenwich Village des Jahres 1961 Homers Odyssee wider. Und für jene, die das nicht auf Anhieb erkennen wollen, gibt es auch noch eine sehr zielstrebige Katze.

„Inside Llewyn Davis“ gehört zu den ernsteren Coen-Filmen, wie etwa „No Country for Old Men“ oder „A Serious Man“, die weniger ins absurd-komische gehen. Wie immer können die Coens auf eine Riege hervorragender Schauspieler zurückgreifen; neben Isaac sind Carey Mulligan, Justin Timberlake, John Goodman, F. Murray Abraham und Garrett Hedlund zu sehen. Die Stimmung des Films wird aber maßgeblich bestimmt von den vielen bewegenden Folkliedern, die zum Großteil von den Schauspielern selbst gesungen werden und in voller Länge zu hören sind. Man kann am Ende gar nicht anders, als mit einem Lächeln im Gesicht aus dem Kino zu gehen und sich den Soundtrack zu kaufen.

27. Februar 2014

„Dallas Buyers Club“ (2013, Jean-Marc Vallée)

Matthew McConaughey hat in den letzten Jahren bereits mehrmals in kleineren Rollen gezeigt, dass er durchaus auch schauspielerisch einiges zu bieten hat, doch mit seiner starken Darbietung in „Dallas Buyers Club“ hat er trotzdem einige überrascht. McConaughey ist Ron Woodroof, ein homophober texanischer Elektriker, der seine Zeit mit Alkohol, Frauen und Rodeo verbringt, bis er eines Tages im Jahr 1985 erfährt, dass er an AIDS erkrankt ist. Nach jedem Strohhalm greifend, beginnt er ein Verteilungsnetzwerk für alternative, nicht zugelassene Medikamente aufzubauen. Unterstützung findet er im ebenfalls AIDS-kranken homosexuellen Transgender Rayon (Jared Leto) und in der mitfühlenden Ärztin Eve (Jennifer Garner).
 
20 Jahre nach „Philadelphia“ und mit völlig veränderten Therapiebedingungen hat ein Film über den Kampf AIDS-Kranker für ihre Rechte doch schon ganz andere Möglichkeiten der Inszenierung, und die weiß „Dallas Buyers Club“ mit einem Schuss Humor auch zu nutzen – in gewisser Weise handelt es sich dabei sogar schon um ein period piece! Und doch ist es eine nachwievor aktuelle Thematik, die uns dazu anregen möchte, über Vorurteile und deren Überwindung nachzudenken. Ein Kinobesuch lohnt unbedingt!

„Nebraska“ (2013, Alexander Payne)

David Grant (Will Forte) fährt mit seinem Alkoholiker-Vater Woody (Bruce Dern) und gegen den Rat seiner Mutter Kate (June Squibb) und seines Bruders Ross (Bob Odenkirk) nach Nebraska, wo Woody allen Erklärungsversuchen zum Trotz einen vermeintlichen Millionengewinn abholen möchte. Tatsächlich wird die Fahrt zu einer Reise in die Vergangenheit, als die beiden gezwungen sind, in Woodys altem Heimatort haltzumachen und sich mit ihrer lange aus den Augen verlorenen Familie auseinanderzusetzen.

Regisseur Alexander Payne nimmt uns wieder einmal mit auf einen ungewöhnlichen Roadtrip – und doch ist es nicht nur mehr von dem, was wir in „Sideways“ oder „The Descendants“ schon gesehen haben. In wunderbarem Schwarzweiß gehalten, ist „Nebraska“ ein wirklich gelungenes Drama über das Altern und den Tod – eine Beschäftigung mit Herkunft und Sinn, die uns bei aller Schwere doch immer auch ein lachendes Auge lässt. Unbedingte Empfehlung!