12. September 2012

„To Rome With Love“ (2012, Woody Allen)

Ich muss sagen, ich bin wirklich überrascht. Woody Allens letzter Film „Midnight in Paris“ hatte mich nicht so sehr überzeugen können und angesichts dessen trotzdem großen Erfolgs waren meine Erwartungen jetzt bei „To Rome With Love“, das gemischte Kritiken erhalten hatte, nicht sehr hoch. Doch ich sollte eines besseren belehrt werden. 

In der Reihe der von Allen besuchten europäischen Städte ist nun Rom an der Reihe. Der Film besteht aus vier parallel verlaufenden Handlungssträngen, die miteinander eigentlich nicht verknüpft sind und auch ein jeweils unterschiedliches Tempo haben: Die jungen italienischen Eheleute Antonio (Alessandro Tiberi) und Milly (Alessandra Mastronardi) kommen mit hochtrabenden Plänen aus der Provinz; während sie sich in der Hauptstadt jedoch verirrt, muss er gegenüber seinen Verwandten die Prostituierte Anna (Penélope Cruz) als seine Frau ausgeben. Der zynische US-amerikanische Architekt John (Alec Baldwin), der in seiner Studentenzeit in Trastevere lebte, trifft auf sein junges Alter Ego Jack (Jesse Eisenberg), der drauf und dran ist, mit der extrovertierten Schauspielerin Monica (Ellen Page) einen Fehler zu begehen. Der gescheiterte Opernregisseur Jerry (Woody Allen) reist mit seiner Frau Phyllis (Judy Davis) aus Amerika an, nur um festzustellen, dass der Verlobte seiner Tochter ein Kommunist ist, dessen Vater, der Bestatter Giancarlo (Fabio Armiliato), jedoch unter der Dusche zum Gesangsvirtuosen mutiert. Und der einfache Angestellte Leopoldo (Roberto Benigni) wacht eines Morgens auf und stellt fest, dass er ohne jeden Grund zu einer Berühmtheit geworden ist.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal im Kino so herzhaft gelacht habe! Der Film kommt recht harmlos daher – wieder einmal unterschiedliche Episoden, wieder einmal (zumindest scheinbar) das Thema Liebe. Am Anfang sind es vor allem witzige Dialoge und Einzeiler, die einen zum Schmunzeln bringen. Aber schon bald beginnt sich der Film in eine absurde Richtung zu bewegen. Hierbei gelingt es ihm jedoch, eine Ernsthaftigkeit zu bewahren, die einen nur in lautes Gelächter verfallen lassen kann (Ein Highlight ist definitiv die Auflösung von Woody Allens eigenem Handlungsstrang). Dabei mag der Film moralisch vielleicht nicht ganz einwandfrei sein. Doch man sieht den Personen ihre sexuellen Verfehlungen nach, „weil sie in Italien sind“ (O-Ton meine Frau).

„To Rome With Love“ ist definitiv empfehlenswert, auch (oder gerade dann) wenn man üblicherweise kein Komödienschauer ist.

5. September 2012

Das Attentat von München im Film

Heute jährt sich zum 40. Mal das Attentat von München. Da ich vor einigen Jahren die Möglichkeit hatte, mich im Rahmen einer Forschungspraktikumsarbeit mit der filmischen Rezeption dieses Ereignisses auseinanderzusetzen, gibt es an dieser Stelle ausnahmsweise einen etwas ausführlicheren Blogbeitrag.

Während der Olympischen Sommerspiele drangen am 5. September 1972 palästinensische Terroristen in das olympische Dorf ein und nahmen einen Teil der israelischen Olympiamannschaft als Geiseln. Die Gruppierung, die sich Schwarzer September nannte, forderte die Freilassung von 234 palästinensischen Häftlingen aus israelischen Gefängnissen, sowie jene der RAF-Mitglieder Andreas Baader und Ulrike Meinhof aus deutscher Haft. Der Krisenstab, der unter der Leitung des bayerischen Innenministers Bruno Merk gebildet wurde und dem auch der deutsche Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher, der Münchner Polizeipräsident Manfred Schreiber und der Bürgermeister des olympischen Dorfs Walther Tröger angehörten, wollte weniger auf Gewalt als auf Verhandlungsgeschick setzen; die israelische Regierung unter Ministerpräsidentin Golda Meir ließ aber verlautbaren, dass mit Terroristen nicht verhandelt werden würde. Ohne eine Verhandlungsbasis verfolgten die deutschen Behörden eine Hinhaltetaktik. Ein Befreiungsversuch durch ungeübte Polizisten, die als Athleten verkleidet agierten, scheiterte noch bevor er begonnen hatte, da die Aktion von den Terroristen im Fernsehen mitverfolgt werden konnte. Kurz vor Ablauf des zweimal verlängerten Ultimatums forderten die Geiselnehmer ein Flugzeug, das sie mit den Geiseln in ein arabisches Land bringen sollte. Diese Vorgehensweise sollte eine allzu lange Dauer der Geiselnahme verhindern. Der Krisenstab willigte ein und stellte für den Transport vom olympischen Dorf zum Flugplatz Fürstenfeldbruck zwei Hubschrauber zur Verfügung. Dort sollten die Geiseln mit Gewalt befreit werden. Doch das Vorhaben misslang. Im Zuge einer planlosen Schießerei sprengten die Terroristen einen der Hubschrauber mit der Hälfte der Geiseln in die Luft und erschossen die übrigen Geiseln. Insgesamt starben an diesem Tag elf israelische Sportler und Trainer. Es überlebten lediglich drei der palästinensischen Geiselnehmer, die allerdings nicht lange in deutscher Haft waren. Im Zuge der Entführung einer Lufthansa-Maschine am 29. Oktober 1972 wurden sie äußerst unkompliziert freigelassen, was den Verdacht einer Absprache zwischen der deutschen Regierung und den Terroristen aufkommen ließ. Auf Anweisung Golda Meirs wurde der israelische Geheimdienst Mossad beauftragt, sowohl die überlebenden Geiselnehmer als auch die palästinensischen Hintermänner zu beseitigen. Der Name dieser Operation war Zorn Gottes.


Mehrmals wurde der Anschlag von München filmisch verarbeitet: Bereits 1976 erschien der TV-Film „Die 21 Stunden von München“ des Regisseurs William A. Graham. Der Film basiert auf dem 1973 erschienen Roman „La Médaille de sang“ des französischen Schriftstellers Serge Groussard. Der Film wurde an den Originalschauplätzen gedreht und zeigt die Zeit vom Vorabend des Anschlages, als sich die israelischen Athleten auf ihr Quartier begeben, bis hin zum blutigen Kampf auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck. Er endet mit der offiziellen Trauerfeier im Münchner Olympiastadion und gibt mittels Kommentar noch einen Hinweis auf die Freilassung der drei überlebenden Terroristen. Die Handlung des Films orientiert sich sehr stark an den tatsächlichen Abläufen, bringt schon damals bekannte persönliche Schicksale von Tätern und Opfern mit hinein und ist lediglich durch den vollkommenen Verzicht auf die Rolle Walther Trögers, des Bürgermeisters des olympischen Dorfes, etwas ungenau. Im Mittelpunkt der Handlung stehen auf der einen Seite der Münchner Polizeipräsident Manfred Schreiber (William Holden) und auf der anderen Seite der Anführer der Terroristengruppe Issa (Franco Nero). Beide werden als vernünftige und zielgerichtet arbeitende Personen dargestellt, die aus ihrer Sicht immer das richtige entscheiden. Der Ablauf der Geschehnisse wird als unumstößlich gezeigt, der durch nichts hätte anders verlaufen können. Es wird dadurch kein Vorwurf an die deutschen Behörden für ein etwaiges Versagen gemacht. Eine besondere Bedeutung wird – wohl aus dramaturgischen Gründen – der einzigen Frau im Umfeld der Geiselnahme, der vor Ort verhandelnden Sicherheitsbeamtin Anneliese Graes (Shirley Knight), und dem Spannungsverhältnis zwischen ihr und Issa beigemessen. „Die 21 Stunden von München“ ist nicht politisch. Der Film verurteilt die Taten der Terroristen als „ruchloses Verbrechen“, versucht aber trotzdem auch deren Sichtweise zu zeigen. Die Entscheidung Israels, nicht mit Terroristen zu verhandeln, wird als solche respektiert und weder als positiv noch als negativ kommentiert. Auf die politischen Zusammenhänge des israelisch-palästinensischen Konflikts wird gar nicht eingegangen.

Eine intensivste Bearbeitung erfuhr das Attentat auch in Kevin Macdonalds Dokumentarfilm „Ein Tag im September“ aus dem Jahr 1999. Dieser entstand in Zusammenarbeit mit dem britischen Autor Simon Reeve, der ein Jahr später ein Sachbuch gleichen Namens in Romanform herausbrachte. Der Film verknüpft die minutengenaue Chronologie der Ereignisse mit der persönlichen Wahrnehmung von Angehörigen der Opfer. Exemplarisch hervorgehoben wird das Schicksal von Ankie Spitzer, der Frau des Fechttrainers Andre Spitzer. Die Dokumentation macht stark Gebrauch von Talking head-Interviews mit jenen Personen, die damals den Krisenstab bildeten. Es wird aber auch ein Interview mit dem letzten überlebenden Terroristen Jamal Al-Gashey geführt. Die Dokumentation spart die politischen Hintergründe des israelisch-palästinensischen Konflikts im Allgemeinen und des Anschlags im Speziellen größtenteils aus. Gleichzeitig versucht der Film, eine gewisse Objektivität zu wahren, indem er weder für die palästinensische noch die israelische Seite Stellung bezieht. Die zwei Hauptangriffsziele der Dokumentation sind die deutschen Behörden und das Internationale Olympische Komitee. Die Frage nach der Vorgehensweise der deutschen Behörden wurde in der Öffentlichkeit von Anfang an kontroversiell diskutiert. Die Dokumentation sieht ein totales Chaos und Versagen der Polizei und der Bundesrepublik Deutschland in der Krisensituation der Geiselnahme. Das Aufzeigen dieses Versagens setzt bereits bei der Betrachtung der laxen Sicherheitsvorkehrungen am Olympia-Gelände an. Den Krisenstab betreffend werden das Fehlen einer Anti-Terroreinheit in Deutschland und die übermäßig vielen Entscheidungsträger, die eine einheitliche Vorgehensweise erschwert hätten, kritisiert. Auch wird das Ausbleiben einer Zusammenarbeit zwischen Polizei und Militär bemängelt. Weiters wird Deutschlands Umgang mit dem Ausgang der Geiselnahme, die Abschüttelung jeglicher Verantwortung und die Freilassung der Geiselnehmer stark kritisiert. Dem Internationalen Olympischen Komitee wird vorgeworfen, die Geiselnahme nur als lästige Unterbrechung der Spiele angesehen zu haben. Die Einschätzungen der Dokumentation sind meiner Meinung nach sehr subjektiv von amerikanischen und israelischen Vorgehensweisen geprägt. Persönlich erscheint mir die wiederholte und starke Kritik an einem Land, dass nicht sofort das Militär für innenpolitische Probleme hinzuziehen wollte und nicht bereit war, mit Waffengewalt „um jeden Preis“ zuzuschlagen, sehr einseitig. Auch ist die von der Dokumentation vorgenommene Einstufung der kritischen Kommentare Zvi Zamirs, des damaligen Mossad-Leiters, als berechtigte Kritik an Deutschland angesichts der Rolle Zamirs im Zusammenhang mit etlichen Mordanschlägen höchst fragwürdig. Ein Punkt, den der Film ebenfalls stark betont, ist die symbolische Bedeutung Deutschlands im Zusammenhang mit der Tötung von Juden. Immer wieder wird darauf eingegangen, dass die israelischen Athleten sich in Deutschland einerseits unwohl gefühlt hätten, andererseits aber ihre Präsenz bei den Spielen bewusst betonen wollten. Dass Israelis dann auf einem deutschen Flugfeld starben – womöglich sogar durch deutsches Polizeifeuer –, habe eine immense negative Symbolwirkung gehabt.


Einen anderen Stellenwert hat das Attentat im TV-Mehrteiler „Gideons Schwert“ (1986) sowie in dessen Spielfilmremake „München“ (2005). Der Anschlag dient hier nur als Ausgangspunkt für die Operation Zorn Gottes. Beide Filme beruhen auf dem 1984 erschienenen Roman „Vengeance“ des ungarisch-kanadischen Autors George Jonas. Dieser erzählt die Geschichte des Mossad-Agenten Avner, der auf direkten Befehl von Ministerpräsidentin Golda Meir eine Gruppe von Agenten anführt, die als Rache für den Anschlag von München selbständig die Drahtzieher der Geiselnahme ausforschen und umbringen sollen. So töten sie verschiedene (vermeintliche) Hintermänner, die in Europa verstreut agieren. Das Hauptziel ihres Auftrags, Ali Hassan Salameh, der Planer der Münchner Geiselnahme, wird allerdings mehrmals verfehlt. Am Ende des Buches ist Avner nicht mehr von dem überzeugt, was er tut, und kehrt dem Mossad den Rücken.
Immer wieder wurde die von „Vengeance“ erzählte Geschichte als Fiktion abgetan. Der ehemalige Mossad-Chef Zwi Zamir betonte 2006 in einem Interview mit Haaretz, dass sich die Mossad-Einheit nicht wie im Buch beschrieben aus „Halbsöldnern“ zusammengesetzt und dass der angebliche Anführer Avner nie existiert habe. Auch habe es sich bei der gezielten Tötung von Mitgliedern und Organisatoren der Gruppe Schwarzer September durch den Mossad nicht um einen Racheakt für München sondern um vorbeugende Maßnahmen zur Verhinderung weiterer Anschläge gehandelt. Jonas selbst behauptet dagegen wiederholt, dass die Geschichte wahr und ihm von der „Avner“ genannten Person erzählt worden sei.

Wie bereits das Buch „Vengeance“ ist auch die erste Verfilmung aus dem Jahr 1986 problematisch. Den vierteiligen Fernsehthriller „Gideons Schwert“ mit Steven Bauer und Michael York drehte der Regisseur Michael Anderson für den amerikanischen Fernsehsender HBO. Die Darstellung der historischen Ereignisse erfolgt sehr oberflächlich bzw. teilweise auch falsch. Die politischen Hintergründe dienen nur als unbedeutende Rahmenhandlung für die Agentenaction. Die Tatsache, dass es um einen Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis geht, wird zu wenig herausgearbeitet; die Handlung wird aus ihrem weltpolitischen Zusammenhang gerissen. Bezeichnend dafür ist, dass der Film vorgibt, in den Jahren 1972/1973 zu spielen, die Kostüme und die Ausstattung aber teilweise die Entstehungszeit der Miniserie, die 1980er, reflektieren.

Die zweite Verfilmung „München“ entstand 2005 unter der Regie von Steven Spielberg mit Eric Bana, Daniel Craig, Geoffrey Rush, Mathieu Kassovitz, Ciarán Hinds, Mathieu Amalric und Michael Lonsdale. Der Film ist lose an die Romanvorlage angelehnt, beschreitet aber größtenteils neue Wege, da „München“ außer „Vengeance“ auch neuere Literatur zur Verfügung stand, die sich seriöser mit der Thematik auseinandergesetzt hatte. Hier wird die Geiselnahme von München zu Beginn des Films, teilweise anhand von Originalaufnahmen, kurz dargestellt. Rückblenden auf den Anschlag stellen immer wieder Bezüge zur aktuellen Handlung her. So werden beispielsweise parallel die Namen und Photos der elf ermordeten Israelis und jene von elf zu ermordenden Palästinensern genannt bzw. gezeigt. Während der Film anfangs sehr stark die israelische Position vertritt, wandelt sich diese Einstellung bis zum Ende in eine Frage nach Recht und Unrecht. In mehreren Dialogen werden die unterschiedlichen Auffassungen dieser Frage und des politischen Verständnisses dafür erläutert, während der Zuseher sich aussuchen kann, welche Position ihm am ehesten liegt. Spielbergs Film wurde in der Öffentlichkeit von verschiedenen Seiten angegriffen, da manche den Film zu Israel-unkritisch, andere zu Israel-kritisch sahen.


Was ist nun der Wahrheitsgehalt dieser Filme? Tatsächlich fanden Tötungsaktionen Israels statt, wenn auch nicht unbedingt in der von Jonas und den auf seinem Roman basierenden Filmen geschilderten Weise. Unter anderem lassen sich folgende Fakten festhalten: 1972 wurde die Mossad-Sondereinheit Caesarea damit beauftragt, verschiedene namentlich festgelegte palästinensische Funktionäre umzubringen. In der Öffentlichkeit wurde dieses Unternehmen Zorn Gottes genannt. Dies war aber keine offizielle Bezeichnung des Mossad. Die erste von Caesarea durchgeführte Liquidierung war jene von Wael Zwaiter in Rom. Die Bedeutung Zwaiters ist mehr als umstritten. Der Übersetzer von „1001 Nacht“ ins Italienische soll den Terrorismus selbst verurteilt haben, der Grund für sein Aufscheinen auf der Todesliste ist nicht ganz klar. Ähnliche Zweifel an der persönlichen Verwicklung mit Schwarzer September gibt es beim zweiten Opfer, Mahmoud Hamshari, dem Vertreter der PLO in Paris. Unter dem Namen Quelle der Jugend ist jene Operation 1973 bekannt geworden, bei der Caesarea gemeinsam mit einer Spezialeinheit des israelischen Militärs drei hochrangige PLO-Funktionäre, Abu Youssef, Kamal Adwan und Kamal Nasser, in Beirut tötete. An diesem Unternehmen war auch Ehud Barak, der spätere israelische Ministerpräsident und heutige Verteidigungsminister, als Soldat beteiligt. Die sogenannte Lillehammer-Affäre wurde zu einem großen Misserfolg des Mossad. Israelische Agenten verwechselten einen marokkanischen Kellner mit Ali Hassan Salameh und töteten somit einen Unschuldigen. In der Folge wurden sechs Agenten in Norwegen angeklagt und teilweise zu Haftstrafen verurteilt. Salameh wurde schließlich 1979 mit einer Autobombe in Beirut getötet. Hingegen überlebte Abu Daoud, der Kommandant von Schwarzer September, ein Schussattentat, das 1981 in Warschau auf ihn verübt wurde. In den 1980er-Jahren sind die Einsätze von Caesarea nicht mehr so leicht nachvollziehbar, doch dürfte die Einheit bis Anfang der 1990er-Jahre gewirkt haben.

Der internationale Terrorismus in seinen verschiedenen Facetten ist für uns leider zu einer traurigen Selbstverständlichkeit geworden. Vor 40 Jahren war dies noch nicht so. In München hat er seinen Ausgang genommen.

4. September 2012

„Prometheus – Dunkle Zeichen“ (2012, Ridley Scott)

Schon länger war Ridley Scotts Prequel zu der von ihm gestarteten „Alien“-Reihe erwartet worden. Dass Scott im Vorfeld ein wenig die Erwartungen dämpfend angekündigt hatte, die Verknüpfung von „Prometheus“ zu den früheren Filmen werde nur recht lose sein, war dabei wirklich keine Untertreibung. Lediglich in den letzten zwanzig Minuten des Films ergeben sich einige ganz wenige Anknüpfungspunkte zu den „Alien“-Filmen. Dies ermöglicht dadurch aber auch eine selbständige Beurteilung des nun vorliegenden Films ohne Beachtung von Ballast.

Im Jahr 2093 ist das Raumschiff Prometheus der Weyland Corporation auf der Suche nach den Konstrukteuren der Menschheit unterwegs zu einem fernen Mond. Zur überwiegend wissenschaftlichen Besatzung gehören unter anderem die beiden Archäologen Elizabeth Shaw (Noomi Rapace) und Charlie Holloway (Logan Marshall-Green), die kühle Expeditionsleiterin Meredith Vickers (Charlize Theron) und der Androide David (Michael Fassbender). Am Ziel angekommen beginnen sie mit ihren Erkundungen.

In aller Kürze: Optisch ist „Prometheus“ beeindruckend, wobei das Production Design fast noch besser ist als die Spezialeffekte. Darüber hinaus hat der Film aber nicht sehr viel zu bieten. Die Handlung ist etwas wirr und weist logische Lücken auf; vor allem in der zweiten Hälfte des Films wirkt es so, als ob viel Material im Schneideraum liegen geblieben wäre.

Als Blockbusterkino, als das „Prometheus“ daherkommt, ist der Film in Ordnung – aber er ist sicher einer der schwächeren von Ridley Scott.


P.S.: Ich bin kein großer Freund von Kino-Vorschauen. Im Falle von „Prometheus“ erschienen jedoch Anfang des Jahres mehrere Viralclips – keine Vorschauen im herkömmlichen Sinn, da sie eher eine Ergänzung des Films darstellen – die durchaus lohnenswert sind. Prometheus Viral Clip # 1 (TED Talk 2023) erinnert mich aus irgendeinem Grund an Ridley Scotts berühmten Werbespot aus dem Jahr 1984 für den Apple Macintosh. Persönlich finde ich Prometheus Viral Clip #2 (Happy Birthday David) toll. Aber Vorsicht: Die Videos versprechen mehr als der Film halten kann.

„Amour“ (2012, Michael Haneke)

Wie soll man über „Amour“ schreiben? Von Michael Haneke ist man Verstörendes gewohnt, doch anders. Vor einer Woche hatte ich die Gelegenheit, Hanekes jüngsten Film, der dieses Jahr in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, exklusiv bei seiner Österreich-Vorpremiere im Filmmuseum – inklusive Begrüßungsinterview mit dem Regisseur – zu sehen. Seitdem mühe ich mich damit ab, etwas darüber in Worte zu fassen.

Die Handlung lässt sich einfach zusammenfassen: Die Senioren Georges und Anne (die französischen Altstars Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva), ein bildungsbürgerliches Ehepaar, leben ein aktives Leben, bis Anne sich zur Vermeidung eines Schlaganfalls einer Operation unterziehen muss. Diese misslingt, Anne ist fortan halbseitig gelähmt. Georges nimmt es entgegen den Rat ihrer im Ausland lebenden Tochter Eva (Isabelle Huppert) auf sich, seine Frau zu pflegen. Doch deren Zustand verschlechtert sich zusehends.

Hanekes Film ist ein unglaublich gelungenes Kammerspiel: Bis auf eine Szene zu Beginn verlassen wir die stilvoll eingerichtete Wohnung des Seniorenpaares nie. Über weite Strecken sind nur Trintignant und Riva zu sehen. Die Intensität ihres Schauspiels ist dabei beängstigend. Noch immer fehlen mir die Worte.

„Amour“, ein Film über das Altern, spricht eine Thematik an, die jeden von uns betrifft. Hat nicht jeder in seiner Verwandtschaft bereits einen Pflegefall gehabt? Ob der Film deshalb automatisch einem universellen Publikum gefällt, wie in den letzten Wochen manchmal behauptet worden ist, bleibt dahingestellt. Ich bezweifle dies, denn ich fürchte, dass die meisten Menschen das Thema Alter bewusst ausblenden. Dies sei jedem zugestanden. Wer das tut, verpasst allerdings einen der besten Filme dieses Jahres.

29. August 2012

„Alien“ (1979, Ridley Scott), „Aliens – Die Rückkehr“ (1986, James Cameron), „Alien 3“ (1992, David Fincher), „Alien – Die Wiedergeburt“ (1997, Jean-Pierre Jeunet)

Wie sicherlich viele andere in diesem Sommer, habe ich mir als Vorbereitung auf „Prometheus“ nun alle vier Teile der „Alien“-Tetralogie angesehen – zu meiner Schande hatte ich bisher nur den ersten Film gekannt. Es fehlt mir leider die Zeit, um auf jeden der Filme in extenso einzugehen, doch möchte ich ein paar allgemeine Betrachtungen anstellen.

Die einzelnen Filme könnten sich nicht stärker voneinander unterscheiden. Offiziell handelt es sich um eine zusammenhängende Reihe, doch beim Vergleichen bleibt nicht viel mehr als die Hauptfigur Ellen Ripley (Sigourney Weaver), um die Filme miteinander zu verknüpfen. Selbst die titelgebenden Aliens unterscheiden sich von Film zu Film in gewisser Weise. Nicht zuletzt die vier unterschiedlichen Regisseure der Filme haben dies wohl zu verantworten.

Ridley Scott ist es mit seinem Debütfilm „Alien“ gelungen, ein ganz klassisches Horrorfilm-Szenario auf Science-Fiction zu übertragen. Man nehme statt eines Vorstadthauses einen Raumfrachter, statt ein paar Teenies eine zusammengewürfelte Besatzung und ersetze den Psychopathen oder die Zombies durch ein mordlüsternes extraterrestrisches Wesen. Mit einfachsten Mitteln gelingen Scott maximale Effekte. Hingegen ist es bei „Aliens – Die Rückkehr“ nicht das Horrorgenre, bei welchem sich dessen Regisseur James Cameron bedient, sondern der Kampfeinsatz-Actionfilm. Dieses Mal wird eine Marinekampfeinheit, zusammengesetzt aus den klassischen Individuen, auf die Jagd nach dem Feind geschickt. Irgendwie wirkt diese Konstellation ein wenig absurd, doch unterhaltsam ist der Film nichtsdestotrotz – ein Film der 1980er.

Auch für David Fincher war die Reihe mit „Alien 3“ sein Spielfilmdebüt. Doch auch wenn Fincher – wie regelmäßige Leser dieses Blogs sicher wissen – zu meinen Lieblingsregisseuren zählt, so kann ich ihm im Gegensatz zu den beiden zuvorgenannten Regisseuren leider nicht zugestehen, einen guten Film gedreht zu haben. In einem für die 1990er-Jahre typischen postapokalyptischen Szenario, wie wir es aus Kevin Costner-Filmen kennen, wechseln sich pseudoreligiöses Gelaber und wirre Längen ab. Jean-Pierre Jeunets einziger nichtfranzösischer Film „Alien – Die Wiedergeburt“, der als Groteske angelegt ist, ist dann nur noch merkwürdig, verwirrend und kann meiner Meinung nach nicht viel.

Obwohl vier Filme einer Reihe, gehören die „Alien“-Filme ganz unterschiedlichen Genres an und stehen jeder – einmal besser, einmal schlechter – für sich alleine da. Dies wird noch verstärkt durch den zeitlichen Abstand zwischen den einzelnen Filmen. Wirklich gut ist für meinen Geschmack nur der erste Film, doch auch der zweite Teil ist sehenswert. Dies gilt übrigens auch für die Effekte, die 1979 einfach simpel aber gut waren; das CGI der späteren Filme lässt einen (zumindest retrospektiv) nur mit dem Kopf schütteln.

„360“ (2012, Fernando Meirelles)

Da kann man noch so abgeklärt sein und sich als Weltmensch geben – wenn die eigene Heimatstadt in einer internationalen Filmproduktion eine ganz wesentliche Rolle einnimmt, dann wird man schnell zum Lokalpatrioten. So war es schon allein deshalb ein Gebot der Stunde, sich Fernando Meirelles’ neuesten Film „360“ im Kino anzusehen. Dass dieser dann auch noch eine moderne Adaptierung von Arthur Schnitzlers „Reigen“ ist, machte den Kinobesuch zu einer angenehmen Pflicht.

Ausgangspunkt ist Wien, wo eine junge Slowakin (Lucia Siposová) von einem skrupellosen österreichischen Zuhälter (Johannes Krisch) in die Prostitution gelockt wird. Mit ihrem ersten Kunden, einem britischen Handlungsreisenden (Jude Law), beginnt sich der Reigen zu drehen, der uns nach London, Paris, Denver und wieder retour nach Wien führt. Teilnehmer dieses Tanzes sind unter anderem ein deutscher Geschäftsmann (Moritz Bleibtreu), eine britische Moderadakteurin (Rachel Weisz), ein brasilianischer Photograph (Juliano Cazarré) und dessen Freundin (Maria Flor), ein alter Mann auf der Suche nach seiner verschwundenen Tochter (Anthony Hopkins), ein Sexualstraftäter (Ben Foster), ein algerisch-französischer Zahnarzt (Jamel Debbouze), dessen russische Assistentin (Dinara Drukarova), deren für die Mafia arbeitender Ehemann (Vladimir Vdovichenkov) sowie die Schwester der eingangs erwähnten Prostituierten (Gabriela Marcinkova).

Schon allein aufgrund der Form des ursprünglichen Theaterstücks wäre „360“ prädestiniert gewesen, sich in die Gruppe unzähliger Episodenfilme zum Thema Liebe einzureihen, wie sie in den letzten Jahren, ausgehend von „Paris, je t’aime“ (2006), stark in Mode gekommen sind. Glücklicherweise ist die Handlung, für welche Drehbuchautor und Wahlwiener Peter Morgan verantwortlich zeichnet, um einiges komplexer, als sie für einen einfachen Episodenfilm sein dürfte. Irgendwie sind hier nämlich alle mit allen verbunden. Auch trennt sich „360“ ein wenig vom rein sexuellen Akt als Verbindungsstück und spinnt seine Erzählung auf ganz unterschiedlichen Ebenen dessen, was Liebe bedeuten kann.

Zugegeben, der Film hat manchmal auch seine Längen. Doch dafür entschädigen nicht nur die erfrischend ungewohnten Einstellungen von Wien, das unter den verschiedenen Handlungsorten eindeutig die bevorzugte Stellung einnimmt. „360“ steht und fällt, wie alle Ensemblefilme, mit den Leistungen seiner Schauspielerinnen und Schauspieler – und diese sind durch die Bank hervorragend.

Meirelles’ Film ist vielleicht kein Highlight dieses Jahres, aber sehenswert ist er allemal.

11. August 2012

Sight & Sound: The Greatest Films of All Time

Sie sind da! Seit ungefähr zwei Jahren freue ich mich darauf und nun ist es soweit: In der aktuellen Ausgabe von „Sight & Sound“ werden die Ergebnisse der alle zehn Jahre durchgeführten Umfrage nach den besten Filmen aller Zeiten präsentiert und genauestens analysiert. Die Top 10-Listen gelten in der Fachwelt aufgrund des Renommees der Zeitschrift und des Alters der Umfrage (seit 1952) als die aussagekräftigste Einschätzung dessen, was der ultimative Filmkanon ist bzw. sein soll. Auch außerhalb eines eingeschworenen Filmliebhaberkreises berüchtigt ist die Rolle von Orson Welles’ „Citizen Kane“ (1941), der die Liste seit 1962 anführt.
 
Das Prozedere war das folgende: Kritiker, Programmmacher, Akademiker, Verleiher, Publizisten und andere Cinephile (unter Regisseuren gibt es seit 1992 eine eigene S&S-Liste, deren Ergebnis ich zur besseren Lesbarkeit meines Beitrags und aufgrund ihrer geringeren Bedeutung hier nicht behandeln werde) wurden eingeladen, zehn Filme in beliebiger Reihenfolge zu nennen, die aus ihrer Sicht die besten sind. Die Definition dessen, was das Beste ist, wurde jedem persönlich überlassen – Kriterien konnten die Bedeutung für die Filmgeschichte, die ästhetische Bravur oder der Einfluss auf die jeweils eigene Sichtweise des Kinos sein. Im Gegensatz zu früheren Umfragen sollten Filme einer Reihe erstmals eigenständig behandelt werden (wie übrigens auch bei der von mir im Frühjahr durchgeführten Umfrage). Die Summe der zunächst nicht gereihten Nennungen eines Filmes ergab die Platzierung innerhalb der Liste. Die Zahl der Jurorinnen und Juroren wurde von S&S diesmal radikal erweitert: Statt 145 eingelangten Einzellisten im Jahr 2002 waren es dieses Mal 846 (insgesamt wurden ca. 1.000 Personen zur Teilnahme eingeladen), wobei auch eine bewusste Erweiterung des Spektrums angestrebt wurde. Aufgrund dieser höheren Teilnehmerzahl – es wurden dadurch insgesamt 2.045 verschiedene Filmtitel genannt – konnte die Liste von einer Top-10-Liste zu einer Top-100-Liste ausgebaut werden.

Die besten zehn Filme aller Zeiten laut diesjähriger Umfrage sind:
Platz 1: „Vertigo“ (1958, Alfred Hitchcock) [191 Nennungen]
Platz 2: „Citizen Kane“ (1941, Orson Welles) [157]
Platz 3: „Die Reise nach Tokyo“ (1953, Yasujirō Ozu) [107]
Platz 4: „Die Spielregel“ (1939, Jean Renoir) [100]
Platz 5: „Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen“ (1927, F. W. Murnau) [93]
Platz 6: „2001: Odyssee im Weltraum“ (1968, Stanley Kubrick) [90]
Platz 7: „Der Schwarze Falke“ (1956, John Ford) [78]
Platz 8: „Der Mann mit der Kamera“ (1929, Dziga Vertov) [68]
Platz 9: „Die Passion der Jungfrau von Orléans“ (1927, Carl Theodor Dreyer) [65]
Platz 10: „Achteinhalb“ (1963, Federico Fellini) [64]

Die wohl bemerkenswerteste Tatsache dieses Ergebnisses ist der Umstand, dass die genannten Filme trotz der umfassenden Erweiterung und Veränderung der Jury im Prinzip die gleichen geblieben sind. Von den Filmen, die 1982, 1992 bzw. 2002 in den Top-10-Listen waren, sind fast alle dieses Jahr zumindest unter den Top 20. Große Ausnahme sind „Der Pate“ (1972, Francis Ford Coppola) und „Der Pate – Teil II“ (1974, Francis Ford Coppola), die durch ihre (zurecht erfolgte) Behandlung als zwei verschiedene Filme nun leider nur noch Platz 21 bzw. Platz 31 belegen (nach altem Schema wären sie auf Platz 7 gelegen). Von den diesjährigen Top 10 waren sieben auch in der letzten Liste vertreten, zwei weitere zwar nicht 2002, aber immerhin noch 1992, und lediglich ein Film, nämlich „Der Mann mit der Kamera“, noch nie unter den ersten zehn. In gewisser Weise ist dies schön, unterstreicht es doch auch die Aussagekraft der bisherigen Umfrageergebnisse.
Persönlich finde ich das Resultat der Umfrage äußerst spannend, lassen sich doch noch eine ganze Reihe von Beobachtungen anstellen. Von den Top 10 habe ich bisher leider nur vier Filme sehen können, was verhältnismäßig auch der Top-100-Liste entspricht (39 von 100 Filmen). Zwar wird meine Aufarbeitung in Kürze beginnen, doch wird hier bereits ein Problem der Liste (der bisherigen wie auch der gegenwärtigen) sichtbar, jenes der Zugänglichkeit. „Die Spielregel“ und „Sonnenaufgang“ sind derzeit beispielsweise gar nicht auf DVD erhältlich, andere Filme nur mit Mühen und zu nicht geringem Preis zu beschaffen.
Doch auch zwei Worte der Enttäuschung seien hier ausgesprochen. Zum einen betrifft diese die Alterstruktur der Filme. Ich bin auch der Meinung, dass sich Filme erst eine gewisse Zeit bewähren müssen, bevor sie ohne Bedenken in einen Allzeit-Kanon aufgenommen werden können. Dass der jüngste Film in den Top 10 aus dem Jahr 1968 ist, finde ich deshalb auch gar nicht so schlimm. Irritierend finde ich aber, dass die gesamten letzten 30 Jahre leicht unterrepräsentiert sind. In den Top 100 sind nur sechs Filme aus den 1980er-Jahren (nur drei nach 1982), fünf Filme aus den 1990ern und drei Filme aus den 2000ern; ergibt in Summe elf Filme der letzten 30 Jahre! Enttäuschend finde ich aber auch die ganz konkrete Reihenfolge der Top 10. Ich liebe „Citizen Kane“, hätte aber durchaus Verständnis für seine Ablöse haben können. Aber „Vertigo“?! Auch dieser ohne Frage ein guter Film. Doch schon unter den Hitchcock-Filmen bevorzuge ich einige andere, allen voran natürlich „Das Fenster zum Hof“ (1954). Keinesfalls aber ist „Vertigo“ meiner Meinung nach besser als „Citizen Kane“. Dieser hätte es durchaus verdient, von einem anderen Film vom Thron gestoßen zu werden!
Zum Abschluss möchte ich aber doch noch versöhnliche Töne anschlagen: Man mag solchen kanonischen Listen kritisch gegenüberstehen– gerade S&S ist hier durchaus sehr selbstreflexiv – aber unbestreitbar haben sie einen Aussagewert über das heutige Filmverständnis. Auch wenn man mit den Ergebnissen im Einzelnen oder im Gesamten nicht zufrieden sein mag, so lohnt es sich meiner Meinung nach für den filmliebenden Menschen doch, sie als Richtschnur für das eigene Betrachtungsprogramm heranzuziehen.
In der aktuellen Ausgabe (September 2012) widmet Sight & Sound der Umfrage ganze 32 Seiten, doch auch auf der Homepage der Zeitschrift kommt die Aufarbeitung mit Gesamt- und Detailergebnissen (inklusive sämtlicher Einzelnennungen, ab 15. August 2012) und Analysen nicht zu kurz.

3. August 2012

„The Dark Knight Rises“ (2012, Christopher Nolan)

Schon wieder ein Film, den ich mir durch die zu hohen Erwartungen kaputt gemacht habe? Seit über einem Jahr habe ich auf Christopher Nolans Abschluss seiner Batman-Trilogie hingefiebert – und nun bin ich unschlüssig, wie ich mit dem Resultat umgehen soll.

Durch das Vermächtnis des heroisierten Harvey Dents ist Gotham City zu einem besseren Ort geworden, in welchem kein Platz mehr für den geächteten Batman ist. Dementsprechend hat sich Bruce Wayne (Christian Bale) in die Einsamkeit seines Anwesens zurückgezogen, wo er einzig und allein mit seinem Butler Alfred (Michael Caine) Kontakt hat. Die katzenhafte Diebin Selina Kyle (Anne Hathaway) lockt Wayne etwas aus der Reserve, gleichzeitig versucht er sein Unternehmen mit Hilfe von Lucius Fox (Morgan Freeman) und Miranda Tate (Marion Cotillard) auf neue Beine zu stellen. Doch erst das Auftreten des maskierten Terroristen Bane (Tom Hardy) macht einen erneuten Einsatz Batmans erforderlich. Von einer Mehrheit fälschlicherweise als Mörder angesehen, zählen zu seinen wenigen Unterstützern Commissioner Jim Gordon (Gary Oldman) und der junge Streifenpolizist John Blake (Joseph Gordon-Levitt). Und nach all diesen Ausführungen sind wir eigentlich noch relativ am Anfang von „The Dark Knight Rises“.

Die Handlung des Films ist, wie man sieht, recht komplex und geht auch so manchen unnötig erscheinenden Umweg. Gerade am Anfang werden viele verschiedene Handlungsstränge eröffnet, die aber gleichzeitig sehr verkürzt erscheinen, sodass es einem leicht passieren kann, etwas Relevantes zu verpassen. Eine weitere Schwäche des Films – zumindest für meinen Geschmack – ist die geringe Präsenz Batmans. Selbst dann, wenn Christian Bale auf der Leinwand zu sehen ist, ist er es meist als Bruce Wayne. Ist es aber bei aller Seriosität nicht auch das kindliche Vergnügen an einem Helden, seinen Tricks und Ausrüstungsgegenständen, das uns eigentlich in die Kinos lockt? Außerdem muss bemängelt werden, dass sich der Film manchmal in etwas merkwürdigen Szenen verliert. Ich bin der letzte, der sich bei solchen Filmen beschwert, dass das Erzählte „unrealistisch“ sei – immerhin handelt es sich immer noch um eine Comic-Verfilmung. Aber wenn eine kleine Armee von Polizisten sich in Reih und Glied den Terroristen entgegenbewegt, um dann in einer Straßenschlägerei die Fäuste sprechen zu lassen, dann hat das doch etwas Skurriles!

Schauspielerisch lässt Nolan hingegen wieder einmal (fast) keine Wünsche offen, stehen ihm doch die bewährten Darsteller aus den ersten beiden Teilen zur Seite. Interessanterweise greift er auf nicht weniger als fünf Kollaborateure aus seinem letzten Film „Inception“ zurück: Neben Regular Caine (auch „Prestige“) und Cillian Murphy, der in einem Kurzauftritt abermals seine Rolle als Jonathan Crane verkörpert, sind dies Hardy, Gordon-Levitt und Cotillard. Letztere mag eine gute Schauspielerin sein, ich stelle aber zum wiederholten Male fest, dass ich sie scheinbar einfach nicht ertrage. Hathaway bietet eine meiner Meinung nach gelungene Darstellung der Catwoman – wobei ich mich eigentlich nicht erinnern kann, ob sie im Film  jemals so genannt wird.

Am stärksten ist „The Dark Knight Rises“ dann, wenn er eine geschlossene Stadt im Ausnahmezustand schildert. Ganz klare Anleihen nimmt er dabei bei den historischen Ereignissen nach der französischen bzw. der russischen Revolution. So funktioniert der Film auch am besten als Dystopie über Totalitarismus und die Herrschaft eines neidenden Volkes. Als Abschlussfilm einer Trilogie, dem die beiden hervorragenden Filme „Batman Begins“ und „The Dark Knight“ vorangegangen sind, enttäuscht „The Dark Knight Rises“ leider. Für sich alleine betrachtet ist er aber schon in Ordnung. Anschauen sollte man in sich jedenfalls, und sei es allein deshalb, weil Christopher Nolan ganz auf 3D verzichtet hat – heutzutage bei Actionfilmen keine Selbstverständlichkeit mehr!

26. Juli 2012

Christopher Nolan

Zu meinen bevorzugten Regisseuren zählt auch der bald 42-jährige Brite Christopher Nolan, der eine bislang relativ kurze aber beeindruckende Filmographie vorzuweisen hat:
  • „Following“ (1998)
  • „Memento“ (2000)
  • „Insomnia – Schlaflos“ (2002)
  • „Batman Begins“ (2005)
  • „Prestige – Die Meister der Magie“ (2006)
  • „The Dark Knight“ (2008)
  • „Inception“ (2010)
Vor etwas mehr als einem Jahr programmierte ich im Jugendzentrum, in dem ich bis vor kurzem tätig war, einen Schwerpunkt zum Thema „Die Realität – eine Fiktion?“, bei welchem Nolans Filme „Memento“, „Insomnia“, „Prestige“ und „Inception“ neben „The Game“ (1997), „Fight Club“ (1999) und „Zodiac – Die Spur des Killers“ (2007) von David Fincher, einem weiteren meiner Favoriten, sowie Akira Kurosawas „Rashomon – Das Lustwäldchen“ (1950) gestellt wurden. Alle diese Filme beschäftigen sich auf unterschiedlichen Ebenen mit Fragen nach der Realität der Dinge: Was ist real? Was ist Einbildung? Was ist Fiktion?

In diesen Tagen erreicht Nolans achter Spielfilm „The Dark Knight Rises“, zugleich der Abschluss seiner Batman-Trilogie, die Kinos. Dies wollte ich mir eigentlich zum Anlass nehmen, hier über Nolan einen Blogbeitrag zu verfassen. Doch dann las ich in der aktuellen Ausgabe von „Sight & Sound“ einen Artikel, der mir so gut gefällt, dass ich ihm eigentlich nichts mehr hinzufügen möchte. Besonders begeistert mich darin unter anderem der mehrfach zu einem weiteren meiner Lieblingsregisseure hergestellte Bezug: Michael Mann.

Mir bleibt daher nur, die Lektüre dieses Artikels, der auch online zugänglich ist, zu empfehlen: Joseph Bevan: „Escape Artist“, Sight & Sound August 2012, p. 14–18.

16. Juli 2012

Die besten Filme aller Zeiten. Eine subjektive Umfrage

Diesen Sommer werden die Ergebnisse der alle zehn Jahre vom britischen Filmmagazin „Sight and Sound“ durchgeführten Umfrage zu den besten Filmen aller Zeiten veröffentlicht werden. Für mich Anlass genug, in meinem Bekanntenkreis eine eigene kleine Umfrage zu starten. Die S&S-Top 10-Liste führt seit 1962 Orson Welles’ „Citizen Kane“ (1941) an und auch die anderen Plätze wurden in der Vergangenheit von meist schon etwas älteren Filmen belegt. Mich reizte es nun, herauszufinden, wie ein doch deutlich jüngerer Kreis von Kritikerinnen und Kritikern urteilen würde.

Die Jurorinnen und Juroren wurden aufgerufen, zehn Filme in beliebiger Reihenfolge zu nennen, die aus ihrer Sicht die besten bzw. bedeutendsten sind. Welche Kriterien dafür heranzuziehen seien, wurde jedem persönlich überlassen. Das bedeutet, dass die einzelnen Listen und auch das Ergebnis der Umfrage sehr subjektiv sind. Aber können solche Listen überhaupt anders sein?

Zur Teilnahme eingeladen wurden 16 Personen, von diesen nahmen 10 Personen die Einladung war. Da eine der Personen eine Liste mit nur neun Titeln einreichte, wurden somit insgesamt 99 Nennungen getätigt. Die geringe Teilnehmerzahl birgt einige Probleme, doch das Endergebnis ist trotzdem sehr eindeutig:

  • Platz 1: „Der Pate“ (1972, Francis Ford Coppola) (7 Nennungen)
  • Platz 2: „Der Pate – Teil II“ (1974, Francis Ford Coppola) & „Heat“ (1995, Michael Mann) (jeweils 4 Nennungen)
  • Platz 4: „Pulp Fiction“ (1995, Quentin Tarantino) (3 Nennungen)

Auf Platz 5 mit jeweils zwei Nennungen folgen „Casablanca“ (1942, Michael Curtiz) , „Der dritte Mann“ (1949, Carol Reed), „A Clockwork Orange“ (1971, Stanley Kubrick), „Thelma & Louise“ (1991, Ridley Scott), „Der König der Löwen“ (1994, Roger Allers, Rob Minkoff), „Fight Club“ (1999, David Fincher), „Memento“ (2000, Christopher Nolan) und „Die Monster AG“ (2001, Peter Docter, Davis Silverman, Lee Unkrich).

Das Ergebnis ist mit Blick auf die letzte S&S-Liste überraschend und auch wieder nicht. Mit den beiden „Pate“-Filmen stehen Titel ganz vorne, die 2002 auch bei S&S in den Top Ten waren (gemeinsam auf Platz 4). Sonst gibt es aber keine Übereinstimmungen, nicht einmal mit jenen Filmen, die jetzt nur einmal genannt wurden.


Hier einige zusätzliche Auswertungen:

Regisseure
Bei den mit unterschiedlichen Filmen vertretenen Regisseuren führt ganz klar Francis Ford Coppola mit 12 Nennungen (für „Der Pate“, „Der Pate – Teil II“ und „Apocalypse Now“ (1979)) die Liste an. Es folgt Quentin Tarantino mit 4 Nennungen (neben „Pulp Fiction“ für „Kill Bill: Vol. 2“ (2004)). Hingegen wurde Michael Mann – mit „Heat“ auf Platz 2 der Filmliste vertreten – mit keinem weiteren Film nominiert. Dreimal genannt wurden David Fincher (neben „Fight Club“ auch „Panic Room“ (2002)), Christopher Nolan (neben „Memento“ auch „Inception“ (2010)) sowie Andrei Tarkowski („Andrej Rubljow“ (1969), „Der Spiegel“ (1975) und „Stalker“ (1979)).

Unter den zweimal für unterschiedliche Filme genannten finden sich die Coen-Brüder („The Big Lebowski“ (1998) und „True Grit“ (2010)), Roman Polański („Chinatown“ (1974) und „Der Ghostwriter“ (2010)), Martin Scorsese („Taxi Driver“ (1976) und „Casino“ (1995)) sowie Steven Spielberg („Jäger des verlorenen Schatzes“ (1981) und „Schindlers Liste“ (1993)), die man allesamt vielleicht weiter oben vermutet hätte, außerdem John G. Avildsen („Rocky“ (1976) und „Karate Kid“ (1984)), Danny Boyle („Trainspotting“ (1996) und „Slumdog Millionaire“ (2008)), Peter Jackson („Der Herr der Ringe: Die Gefährten“ (2001) und „Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs“ (2003)) sowie Robert Zemeckis („Zurück in die Zukunft“ (1985) und „Forrest Gump“ (1994)).


Jahrzehnte
Aufgrund der filmischen Sozialisierung der meisten Jurorinnen und Juroren wenig überraschend am stärksten vertreten sind die 1990er-Jahre mit 30 Nennungen, mit Respektabstand gefolgt von den 2000er-Jahren (21 Nennungen) und den 1970er-Jahren (20 Nennungen). Weiters erfolgten 9 Nennungen von Filmen aus den 1980ern und 6 Nennungen von Filmen aus den 2010ern. Auch genannt wurden Filme aus den 1940ern (5 Nennungen), 1950ern (4 Nennungen) und 1960ern (3 Nennungen) sowie ein Film aus den 1920er-Jahren.

Reihen
17 Filme sind Teil einer Reihe, doch gibt es nur drei Reihen, die mit mehreren Filmen vertreten sind: Neben den beiden „Pate“-Filmen sind dies die „Star Wars“-Reihe mit je einer Nennung von „Episode IV – Eine neue Hoffnung“ (1977, George Lucas) und „Episode VI – Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ (1983, Richard Marquand) sowie die bereits erwähnten Filme „Die Gefährten“ und „Die Rückkehr des Königs“ der „Herr der Ringe“-Reihe. Bei den übrigen Filmen wurde bis auf die zwei Ausnahmen „Batmans Rückkehr“ (1992, Tim Burton) und „Kill Bill: Vol. 2“ stets der erste Teil einer Reihe genannt.

Animation
Überraschend hoch fällt die Nennung von Animationsfilmen aus. Sie liegt mit zehn Nennungen bei 10 Prozent. Neben den je zweimal nominierten Filmen „Der König der Löwen“ und „Die Monster AG“ wurden außerdem „Feivel, der Mauswanderer“ (1986, Don Bluth), „Die letzten Glühwürmchen“ (1988, Isao Takahata), „Toy Story“ (1995, John Lasseter, Andrew Stanton), „Ratatouille“ (2007, Brad Bird, Jan Pinkava), „Kung Fu Panda“ (2008, Mark Osborne, John Stevenson) und „Ich – Einfach Unverbesserlich“ (2010, Pierre Coffin, Chris Renaud) genannt.



Abschließend sei noch auf zwei Artikel in der diesjährigen Juni-Ausgabe von „Sight & Sound“ hingewiesen, die sich im Vorfeld der anstehenden Umfrage sehr kritisch mit der Frage auseinandersetzten, was es bedeute, Filme in einen kanonischen Status zu hieven (Nick Roddick: „Canonanonanonanon“, p. 15) und in Rankings zu pressen (Michael Atkinson: „Listomania“, p. 28–30). Dinge zu bewerten und miteinander in Beziehung zu setzen liegt in der Natur des Menschen und macht auch Spaß. Aber man sollte nie vergessen, dass es sich dabei stets um Momentaufnahmen ohne Absolutheitsanspruch handelt und die gleiche Umfrage mit den gleichen Personen morgen schon ganz anders ausgehen könnte.