16. Dezember 2011

„Jane Eyre“ (2011, Cary Fukunaga)

Ob die Verfilmung eines Buches, noch dazu eines Klassikers, der Vorlage je gerecht werden kann, ist eine Streitfrage, die wohl nie beantwortet werden wird. Ich neige dazu, diese Frage vollkommen auszuklammern. Ein Buch ist ein Buch, ein Film ist ein Film und als solcher ein eigenständiges Werk. Dieser Vergleich lohnt sich meist nicht. Somit müsste man die neue „Jane Eyre“-Verfilmung eigentlich mit den bisherigen Verfilmungen, von denen es einige gibt, vergleichen; da ich aber bisher sonst keine gesehen habe, ist mir auch dies nicht möglich. Daher möchte ich Cary Fukunagas „Jane Eyre“ für sich allein betrachten.

Der Film ist gut gemacht, der Aufbau des Spannungsbogens funktioniert nicht zuletzt durch die Vermengung der zeitlichen Ebenen mittels Rückblenden; leider geht ihm irgendwann die Luft aus, die letzte halbe Stunde zieht sich etwas. Einzelne Szenen im Garten von Thornfield Hall erinnerten mich an die Schlusssequenz von Terrence Malicks „The New World“. Doch Jane Eyre ist nicht Pocahontas. Mia Wasikowska als Titelheldin erweckt mit ihrem Drang nach Überschreitung des eigenen Horizonts Erinnerungen an ihre Darstellung der Alice in Tim Burtons „Alice im Wunderland“. Obwohl jener Film eigentlich schlecht war, verfolgte er diesen Gedanken aber konsequenter. Jane Eyre ist 2011 keine Feministin mehr – sie zeigt zum Ende ärgerlicherweise fast schon antifeministische Tendenzen.

Michael Fassbender, derzeit der Schnittlauch auf einigen Suppen, hat schon bessere Darbietungen geliefert als seinen Rochester. Judi Dench agiert als Mrs. Fairfax souverän zurückhaltend. Jamie Bell als St. John hatte den Nachteil, dass er bei mir ständig Assoziationen an Skispringer Thomas Morgenstern erweckt hat.

Als Verfilmung eines Klassikers durchaus sehenswert, aber erwarten Sie sich nicht zu viel.

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